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Die Eishölle von Leningrad

Vor 80 Jahren: Die Hungerblockade an der Newa

Mit mehreren Veranstaltungen haben die Bundesrepublik und der Volksbund der Hungerblockade von Leningrad gedacht. Hermann Krause, Büroleiter des Volksbundes in Moskau, hat teilgenommen und erinnert an die dunkle Zeit vor 80 Jahren:

Vor 80 Jahren beginnt die deutsche Wehrmacht, die zweitwichtigste Stadt der Sowjetunion zu umzingeln. Leningrad wird eingeschlossen, auf persönlichen Befehl Adolf Hitlers. Sein grausames Ziel: Die 2,5 Millionen Bewohner sollen verhungern, die Stadt dem Erdboden gleich gemacht werden. Am 8. September 1941 erfolgt der erste Angriff. Während die Luftwaffe täglich Bomben abwirft, wird der Ring immer enger gezogen. 872 Tage dauert die Leningrader Blockade. In der heutigen Geschichtsschreibung ist von einem Genozid die Rede.

An die 1,1 Millionen Menschen kommen ums Leben, die überwiegende Zahl Zivilisten. Sie verhungern, erfrieren, sterben an ihren Verwundungen oder an Erschöpfung. Auf den Straßen türmen sich die Leichen. Die Menschen suchen Schutz in ihren kalten Wohnungen, aber auch dort sind sie dem eisigen Wind und dem Frost ausgesetzt. Durch die Bombeneinschläge sind die Fensterscheiben zerborsten. Keine Heizung, kein Brennmaterial, keine Nahrung, kaum Trinkwasser. Es ist eine eisige, schreckliche Hölle, aus der es kein Entrinnen gibt. Es sei denn über den zugefrorenen Ladoga-See, über die sogenannte „Straße des Lebens“.
 

Flucht übers Eis

In der Dunkelheit der Nacht fahren LKW über das Eis. Sie nehmen Frauen, Kinder und Verwundete mit heraus, bringen Lebensmittel hinein. Ohne ihre Scheinwerfer einzuschalten, damit die deutschen Flugzeuge sie nicht erkennen. Oftmals brechen die schweren Laster ein, verschwinden mit ihren Passagieren für immer unter dem Eis.

Die Verzweiflung ist groß, in der Stadt herrscht schlimmster Hunger. Bei Luftangriffen und Artillerieschlägen werden auch Krankenhäuser getroffen, die Stadt Peters des Großen erleidet Unbeschreibliches. Der Winter 1941/42 ist schrecklich. Manchmal ist ein Stück Brot das einzige, was es zu essen gibt – in einer Woche. Der Tod wird zur Normalität, das Erfrieren gehört zum Alltag. Die Blockade von Leningrad ist die größte humanitäre Katastrophe des Zweiten Weltkrieges.
 

Hitlers Scheitern

Doch Hitlers Kriegsführung scheitert. Leningrad bleibt in sowjetischer Hand. Trotz aller Schwierigkeiten beginnen die Rüstungsfabriken zu arbeiten, die Verteidiger leisten erbitterten Widerstand. In den Ruinen beginnt nach dem schweren Winter langsam das Leben zurückzukehren. Die Kulturhauptstadt Russlands entdeckt ihre Kraft. Die berühmte Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch, die Gedichte von Anna Achmatowa – es wird versucht, den Hunger durch Poesie, Musik und Kunst zu vergessen, gelegentlich gelingt das. Aber es bleibt die ständige Suche nach etwas Essbarem, das tagelange Anstehen in Schlangen, in der Hoffnung, dass es etwas gibt. Wertvolle Schränke, kostbare Möbel, alles wird zum Heizen der Wohnung genutzt, sogar wertvolle Gemälde und schwere Bilderrahmen. Am Ende sind die Wohnungen leer, das Mobiliar ist im Ofen verglüht.
 

Erfroren an der Straßenecke

Verschwunden sind auch Tausende von Menschen. Mütter unterwegs auf der Suche nach Essbarem, vor Schwäche zusammengebrochen, irgendwo an einer Straßenecke erfroren. Kinder, die Brennholz einsammeln wollten, und nie wiederkehrten. Für all die unzähligen Verstorbenen ohne Namen, die in Gräben und Mulden geworfen wurden, damit sich nicht Seuchen in der Stadt ausbreiten, steht der Piskarjowskoje-Gedenkfriedhof mit seiner riesigen Fläche und der Ewigen Flamme. Rechts und links des breiten Hauptgangs die Massengräber, an die 500.000 Tote liegen hier. Auch ein Bruder Wladimir Putins ist hier irgendwo begraben. Er starb als Kleinkind an Erschöpfung. Am 27. Januar 1944 wird die Stadt endlich von der Roten Armee befreit.
 

Auf dem Piskarjowskoje-Gedenkfriedhof

Das Schreckliche nicht zu vergessen, an das Unfassbare zu erinnern, das war in diesen Tagen das Ziel einer deutschen Delegation. Auf dem Piskarjowskoje-Gedenkfriedhof zu Füßen der Bronzeplastik „Mutter Heimat“ legten der deutsche Generalkonsul in St. Petersburg, Stefano Weinberger, der Militärattaché der Deutschen Botschaft Moskau, General Holger de Groot, und der Leiter der Vertretung des Volksbundes in Moskau, Hermann Krause, Kränze nieder. Am nächsten Tag dann Fahrt zu Gesprächen in die Gebietsverwaltung des Bezirks Kirowsk, dort liegt auch der deutsche Soldatenfriedhof Sologubowka. Gespräche, die für den Volksbund von besonderer Bedeutung sind, zählt doch die deutsche Kriegsgräberstätte zu den größten Europas. Zur Zeit finden dort an die 65.000 deutsche Soldaten und Kriegsgefangene ihre letzte Ruhe, jedes Jahr kommen an die 1000 Gebeine, die in der Umgebung gefunden werden, hinzu.
 

Zweite Station Sologubowka

Nach den Gesprächen, an denen sowohl der Generalkonsul als auch der Militärattaché teilnahmen fuhr man dann mit dem Gebietschef zu dem berühmten Sinjawino-Höhenzug. Strategisch wichtig gelegen wurde die Höhe während der Blockade in blutigen Kämpfen verteidigt. Zahlreiche Gedenktafeln und Kreuze erinnern an die Schlacht, auch dort legte die Delegation Kränze und Blumen nieder. Ebenso vor dem Hochkreuz des nur wenige Kilometer entfernten deutschen Soldatenfriedhof Sologubowka. Der Generalkonsul wie auch der Militärattaché waren überrascht von der Größe des Friedhofs, der eingebettet in eine schöne Parklandschaft fast die Grausamkeit der Leningrader Blockade vergessen lässt. Gäbe es nicht die unzähligen Namen auf den vielen großen Granitstelen. Liest man die vielen Namen und ihre Geburts- und Sterbedaten, dann sieht man: Die meisten gefallenen deutschen Soldaten waren genauso alt – besser gesagt so jung – wie die russischen Verteidiger. Nämlich 18, 20 oder 24 Jahre.

Text: Harald John / Hermann Krause

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