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Exhumierung in Transnistrien: „Wir sind 25 Jahre zu spät“

Beim ersten Einsatz bargen Volksbund-Umbetter 370 Tote statt der erwarteten 28

Als sich die Volksbund-Umbetter zusammen mit dem Jugendverein „Erben des Sieges“ bei der Bürgermeisterin von Carmanova in Transnistrien anmelden, sind sie endlich am Ziel: Es ist die erste Exhumierung in Transnistrien. Doch andere waren vor ihnen da – „wir sind 25 Jahre zu spät“, sagt Lutz Müller. Er geht von 28 Kriegstoten aus. Am Ende werden es 370 sein. Inzwischen sind die Toten würdig bestattet.
 

Als Umbetter ist der 58-Jährige für Georgien und Bulgarien, Rumänien und die Republik Moldau zuständig – und für Transnistrien, eine selbsternannte Republik auf moldawischem Gebiet. Sie ist nach dem Zerfall der Sowjetunion entstanden, aber nicht international anerkannt. Russland vor allem stützt sie.
 

Viel Zeit für Marodeure

Darum gibt es kein Kriegsgräberabkommen und darum liefen alle Versuche des Volksbundes, seine Arbeit auch hier – an der Grenze zur Ukraine – aufzunehmen, über Jahrzehnte ins Leere. Viel Zeit für Marodeure, Friedhöfe, die die Wehrmacht angelegt hatte, auf der Suche nach Erkennungsmarken und Zahngold, Münzen, Abzeichen, Helmen und Waffen umzupflügen.

Erst 2018/19 fällt die Zusammenarbeit mit der deutschen Botschaft in Moldau bei Gesprächen im Außenministerium von Transnistrien endlich auf fruchtbaren Boden. Eine Partnerschaft findet Zustimmung: mit dem Jugendverein „Erben des Sieges“, der Erfahrung mit Exhumierungen hat. Ein Vertrag mit diesem Verein regelt die gemeinsame Arbeit für drei Jahre.
 

Gelände komplett verändert

Mit im Boot ist auch Ruslan Volosin aus der Republik Moldau, mit dem Lutz Müller seit 2004 in Südosteuropa zusammenarbeitet. Als sie gemeinsam den ehemaligen Friedhof im Rayon Grigoriopol erreichen, ist sofort klar: Marodeure und die Natur haben das Gelände komplett verändert.

Das Areal ist zugewachsen, es besteht aus Hügeln und Gruben, in denen zum Teil schon Bäume wurzeln. Die Natur erobert das Terrain zurück. Mehrere Trupps haben hier sämtliche Gräber geplündert. Alte Spatenblätter und Konservendosen zeugen davon – und natürlich Knochen, die teils dicht unter oder sogar auf der Erdoberfläche liegen.

28 Tote stehen auf der Meldungsliste, die vor gut 20 Jahren nach Volksbund-Recherchen entstanden ist. Sie ist die Arbeitsgrundlage für diesen von der Wehrmacht angelegten Friedhof.
 

Kleiner Weg für Mini-Bagger

Zwischen Aushub-Hügeln und Grabkuhlen legt das Team zunächst einen kleinen Weg an. Mit einem Minibagger wird die Erde abgetragen, das Areal vorsichtig eingeebnet. Das Ziel: das System zu entschlüsseln, nach dem Soldaten hier beerdigt wurden, um sie alle zu finden. Ausrichtung und Abstand der Toten waren in der Regel festgelegt.

Das Team beginnt zu graben und findet sechs Gräber hintereinander. Danach ist Schluss. Darum geht es in die andere Richtung weiter – auch da liegen Tote in einer Reihe, ursprünglich wohl einen Meter tief unter der Erde. Kein einziges Skelett ist mehr komplett.
 

Stangen helfen, System zu erkennen

Mit Stangen markieren die Umbetter diese Stellen, um auf die Richtung zu schließen, in der es weitergehen muss. Und erst ziemlich am Schluss ist das System endlich klar: 15 Reihen gab es hier mit einem großen freien Platz in der Mitte.

Der Metalldetektor, den der Jugendverein mitgebracht hat, schlägt selten an. Eine einzige ganze Erkennungsmarke findet das trinationale Team und nur sehr wenige halbe. Juli 1941 als Todes­da­tum lässt sich daraus als erster Anhalts­punkt schließen. Mehr Informationen gibt es noch nicht, als die Arbeiten endlich abgeschlossen sind.
 

Gebeine ins Depot gebracht

Ein Areal, etwa 50 mal 80 Meter groß, ist bearbeitet. Aus einem eher kleinen Projekt ist überraschend ein sehr großes geworden – eine besondere Herausforderung, die Lutz Müller und seine Umbetter-Kollegen beim Volksbund gut kennen. Und auch diese hier haben sie professionell gemeistert. „Wir sind ein ganz gutes Team geworden“, sagt der 58-Jährige mit Blick auf den Jugendverein und lobt das große Interesse, die gute Zusammenarbeit.

Die Gebeine werden in ein Depot nahe der transnistrischen Hauptstadt Tiraspol gebracht. Dort werden sie näher untersucht, dort geht auch die Dokumentation weiter. Eingebettet werden sie später in Chișinău, der Hauptstadt der Republik Moldau, wo der Volksbund einen deutschen Sammelfriedhof betreut.

Der Volksbund geht von 23 weiteren Grablagen in verschiedenen Ortschaften Transnistriens aus – und von rund 2.000 deutschen Kriegstoten, die noch nicht geborgen und umgebettet sind.

Nachtrag: Die erste Exhumierung fand im Sommer 2021 statt. Die Gebeine wurden inzwischen auf der Kriegsgräberstätte Chișinău eingebettet.

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