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„Fundamental für Versöhnung und Verständigung“

30 Jahre Kriegsgräberabkommen mit Russland – Kaminabend der Deutschen Botschaft in Moskau

„Es waren mehr als ein Dutzend Verträge, die Helmut Kohl auf der Pressekonferenz mit Boris Jelzin präsentierte.“ So erinnert sich Hermann Krause, der Leiter des Moskauer Volksbund-Büros, an den 16. Dezember 1992. Eine der Vereinbarungen: das Kriegsräberabkommen. Seit 30 Jahren ist es Grundlage der Volksbund-Arbeit in der Russischen Föderation und war jetzt Thema bei einem Kaminabend der Deutschen Botschaft in Moskau.
 

Auf Initiative des Volksbundes hatte Botschafter Dr. Geza Andreas von Geyr zur Würdigung des Abkommens in die Residenz der Deutschen Botschaft eingeladen. Seine Gäste: Wladimir Michailowitsch Grinin als ehemaliger russischer Botschafter in Deutschland, Michael Thumann als Leiter des Moskauer Büros der ZEIT, Verteidigungsattaché General Holger Hermann de Groot, für den Volksbund Hermann Krause und außerdem Schülerinnen und eine Lehrerin der Deutschen Schule in Moskau. Volksbund-Präsident Wolfgang Schneiderhan hatte eine Video-Botschaft gesendet.
 

Erinnerung an Pressekonferenz 1992

Bei dem „Paket“, das die beiden Regierungschefs Kohl und Jelzin 1992 präsentiert hatten, ging es unter anderem um die Vernichtung von chemischen und nuklearen Waffen, um zu Unrecht verurteilte Deutsche in Russland, den Energiesektor und ein Kulturabkommen.

„Fast nebenbei sagte Kohl dann: ‚Von den weiteren heute unterzeichneten Vereinbarungen möchte ich das Kriegsgräberabkommen erwähnen, das uns erstmals die Möglichkeit eröffnet, deutsche Kriegsgräber in Russland zu erfassen und zu pflegen‘“, erinnert sich Hermann Krause. Er hatte damals als Hörfunk-Korrespondent für die ARD über die Pressekonferenz berichtet.
 

Nur Kriegsgräberabkommen trägt noch

Beim Kaminabend stellte Krause fest: „All die anderen Verträge sind entweder ausgelaufen oder nie realisiert worden. Das Kriegsgräberabkommen aber hat 30 Jahre funktioniert und hat fundamental zur Versöhnung und Verständigung beigetragen.“

Wladimir Grinin betonte, wie eng und effektiv die Zusammenarbeit war. „An uns wurde der Wunsch herangetragen, vor Petersburg einen Soldatenfriedhof zu errichten. In kürzester Zeit haben wir bei dem Dorf Sologubowka im Leningrader Oblast eine Fläche gefunden“, erinnerte er sich. „Es folgten Gespräche und die Arbeiten konnten beginnen. Deutsche und Russen standen sich sofort positiv gegenüber – das darf man nie vergessen,“ sagte Grinin.

Geschichte an Gräbern weitererzählen

Der Volksbund verbinde Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sagte der deutsche Botschafter von Geyr. Gerade in der jetzigen Zeit leiste er in Russland trotz aller Schwierigkeiten wertvolle Arbeit.

„Die Würde eines Menschen bleibt unantastbar über den Tod hinaus“, betonte er. Jeder Mensch habe das Recht auf ein Grab – das gelte auch und besonders für Soldaten. Auf den vielen Friedhöfen in Russland, an den Gräbern, werde deutsch-russische Geschichte weitererzählt, sagte Geza Andreas von Geyr.
 

Pionierarbeit vor 30 Jahren

Von den Anfängen der Zusammenarbeit berichtete der Leiter des Volksbund-Umbettungsdienstes, Denis Deryabkin. Vor 30 Jahren, als es weder Büro noch Team gab, hätten die aus Kassel entsandten Mitarbeiter vor dem Nichts gestanden – nur mit ein paar Listen der Deutschen Dienststelle Berlin (heute Bundesarchiv) in den Händen. Und die Informationen in Russland? Sie waren vage: „Da und dort, in dieser Region, sollten deutsche Soldaten liegen“, sagte man ihnen.

Zuerst musste der aus Kassel entsandte Mitarbeiter eine Wohnung suchen, ein Büro eröffnen, ein Auto kaufen. Russische Mitarbeiter als Ausbetter mussten eingestellt werden. Wer konnte exhumieren, wer kannte sich aus? Und dann: Wie kommt man zu einer Fläche, um einen deutschen Soldatenfriedhof anzulegen? Das alles hätten die Vorreiter ohne große Unterstützung, auf eigene Faust geleistet, berichtete Deryabkin. Wolgograd, Kursk und Smolensk? Überall waren sie auf sich selbst gestellt – „das war wirkliche Pionierarbeit“.
 

Keine Hinweis mehr aus erster Hand

Einfacher sei es allerdings damals gewesen, die Gräber der Gefallenen zu finden. „Da wurden deutsche Soldaten verscharrt“, habe sich so manche russische Großmutter erinnert, „da war ein Grab“ oder „dort gab es schwere Kämpfe“.

„Mittlerweile gibt es die Babuschkas nicht mehr“, so Deryabkin, „jetzt analysieren wir mit Hilfe von Luftaufnahmen die Landschaft und Veränderungen am Boden. So stoßen wir dann auf mögliche Grablagen.“
 

Deutsch-russisches Schülertreffen

Auch zwei Schülerinnen der Moskauer Deutschen Schule und ihre Lehrerin waren bei dem Kaminabend zu Gast. Gemeinsam mit russischen Schülern hatten sie und ihre Mitschülerinnen und Mitschüler in diesem Jahr die Kriegsgräberstätte in Rshew besucht. In einer „Zukunftswerkstatt“ in der Schule hatten sie nach Auswegen aus der politischen Situation gesucht.

Die 17jährige Sonja sagte: „Schaut man sich die Realität an, so gibt es bei den Menschen zweier verfeindeter Nationen fast gar keine großen Unterschiede. Feindbilder werden von irgendjemanden bewusst entworfen und dann sind sie plötzlich in den Köpfen.“
 

Volksbund-Arbeit von hohem Wert

Michael Thumann, Leiter des Moskauer Büros der ZEIT, sagte, man könne den Wert der Versöhnungsarbeit, den der Volksbund in Russland immer noch leiste, nicht hoch genug einschätzen. Als er in den 1980er Jahren in die Sowjetunion gekommen war, habe er gedacht, er müsse sich rechtfertigen für die Gräueltaten der Nazis. Das sei aber gar nicht notwendig gewesen, habe er überrascht festgestellt.

Dieselbe Erfahrung macht Hermann Krause bis heute: „Versöhnung hat längst stattgefunden. Das Kriegsgräberabkommen hat dazu wesentlich beitragen. Das Erstaunliche ist, dass man den Deutschen auch jetzt freundlich wie immer gegenübertritt.”
 

Gutes zwischenmenschliches Verhältnis

Die einfachen Menschen klammerten den Krieg in der Ukraine aus, wenn es um das Verhältnis zu Deutschland geht, so Krause. „Immer wieder höre ich: Was da geschieht, das muss doch das deutsch-russische Verhältnis auf der menschlichen Ebene nicht belasten.“

Thomas Olson ist Rechtsberater des Moskauer Büros und dem Volksbund seit vielen Jahren verbunden. Er erinnerte daran, dass jeder Krieg – auch der zwischen Russland und der Ukraine – einmal zu Ende geht. Entweder militärisch oder auf dem Verhandlungsweg. Darauf müsse man sich vorbereiten.

Diesen Gedanken griff der Botschafter auf: „Im Moment ist die Vergangenheit groß und die Zukunft klein. Wir wollen hoffen, dass es bald wieder umgekehrt sein wird – dass Vergangenheit klein und die Zukunft wieder groß sein wird.“

„Ansporn in aktueller Situation”

Volksbund-Präsident Wolfgang Schneiderhan sprach von großer Dankbarkeit mit Blick auf das Abkommen. „Signale des Versöhnens, des Verstehens und des Respektierens sind in den Schwierigkeiten des politischen Alltags ein großes Geschenk. Dafür danke ich unseren russischen Partnern“, sagte er in der Video-Botschaft.

22 deutsche Friedhöfe habe der Volksbund seit 1992 errichtet oder wiederhergestellt. Die Kriegsgräberstätte Sologubowka bei St. Petersburg werde – nach Abschluss aller Zubettungen – die größte deutsche Kriegsgräberstätte weltweit sein. Diese Fakten belegten „eindrucksvoll, dass wir gemeinsam im festen Willen der Versöhnung viel erreicht haben“, so der Volksbund-Präsident. „Das sollte uns auch in der aktuellen politischen Situation Ansporn sein, unsere fruchtbare Zusammenarbeit gemeinsam fortzusetzen, um zu zeigen, dass aus ehemaligen Kriegsgegnern in diesen Fragen Partner werden können.“

„Im Moment ist die Vergangenheit groß und die Zukunft klein. Wir wollen hoffen, dass es bald wieder umgekehrt sein wird – dass Vergangenheit klein und die Zukunft wieder groß sein wird.“

Geza Andreas von Geyr, deutscher Botschafter in Moskau

Volksbund-Arbeit aktuell

Zur Zeit hält der Volksbund die „technische Kriegsgräberpflege“ in der Russischen Föderation aufrecht, das heißt: Die großen Kriegsgräberstätten werden weiterhin gepflegt. Auch Ausbettungen finden statt, wenn die entsprechenden Genehmigungen vorliegen. Zur aktuellen Situation hatte Präsident Wolfgang Schneiderhan jüngst mehrfach im Rahmen des Volkstrauertages 2022 Stellung bezogen.

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