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Geteilte Geschichte – gemeinsame Zukunft

Aus Teamer-Sicht: Nachlese zur deutsch-französisch-luxemburgischen Jugendbegegnung in Saarbrücken

18 Jugendliche aus Luxemburg, Frankreich und Deutschland hatten dasselbe Ziel: Saarbrücken. Von dort aus besuchten sie Erinnerungsorte und Kriegsgräberstätten in den drei Ländern, wo sie Einblicke erhielten in die von Kriegen geprägte Vorgeschichte auf dem europäischen Kontinent. In Theater- und Videoworkshops und einem Radioatelier ging es um Menschenrechte als Grundlage eines geeinten Europas. Länderabende und Sprachanimation intensivierten den interkulturellen Austausch. Der Rahmen: eine Jugendbegegnung von Volksbund und Partnern im August 2021. Die Perspektive: die Teamer-Sicht.

Yassine Zaouch (23), Student der Geschichte in Luxemburg, betreute die Gruppe und schildert seine Erfahrungen:

„Dieses Projekt ähnelte keineswegs dem Geschichtsunterricht aus der Schule. Ganz im Gegenteil! Museums- und Stadt-Besuche, geführte Besichtigungen von Kriegsgräberstätten, das Arbeiten zu Schicksalen im Zweiten Weltkrieg und das Wichtigste: die Selbstreflexion in Bezug auf die eigene Geschichte – all das sind Beispiele für Aktivitäten. Der Krieg 1870/71 und die beiden Weltkriege waren die drei Hauptthemen während des Projekts.

Die Jugendlichen brachten nicht nur ihr Gepäck mit nach Saarbrücken, sondern auch gute Laune und einen unendlichen Fluss an Neugier. Ich war sehr positiv überrascht, wie sie mit der Geschichte umgegangen sind, und die Diskussionen waren immer spannend.
 

Von Trauer bis Wut

Auf Kriegsgräberstätten in Lebach, Saarbrücken, Sandweiler, Hamm und Verdun entstanden gemischte Gefühle. Einige Jugendliche reagierten mit stiller Trauer, andere regten sich über die sinnlosen Opfer auf. Um eine 13-jährige luxemburgische Teilnehmerin zu zitieren: „Warum mussten so viel Menschen wegen der Machtphantasien eines Einzelnen [Adolf Hitler] leiden und sterben? In diesem Grab liegt ein einjähriges Kind…“. Die Kriegsgräberstätten öffneten den Jugendlichen die Augen und zeigten ihnen die harte Realität des Krieges und dessen meist fürchterliche Folgen.

Sie setzten sich nicht nur mit Tod und Trauer auseinander, sondern lernten auch einiges über den Alltag in der Vergangenheit. Hierbei war der Besuch im Historischen Museum Saar in Saarbrücken ein guter Leitfaden. Wie unterschiedlich wurden Jungen und Mädchen früher erzogen? Wie war die Bildung damals? Wie stark wurde das Leben einzelner von der Rivalität zwischen Deutschland und Frankreich beeinflusst?

Danach besuchten wir den Deutsch-Französischen Garten – ein Kriegsschauplatz, der in den 1960er Jahren in einen wunderschönen Park für die deutsch-französische Aussöhnung umgewandelt wurde. Hier entstand für mich ein emotionales Bild: als mir auffiel, dass an diesem Ort, an dem sich französische und deutsche Soldaten gegenseitig bekämpft hatten, heute deutsche, französische und luxemburgische Jugendliche gemeinsam Fußball spielten.
 

Arbeit mit Original-Dokumenten

Eine weitere Aktivität war das Arbeiten mit Original-Dokumenten aus dem Zweiten Weltkrieg. Bevor die Jugendlichen nach Saarbrücken fuhren, mussten sie ein Objekt finden, welches sie mit dem Zweiten Weltkrieg verbindet. Das konnte ein Brief oder ein Gegenstand der Großeltern sein oder eine Geschichte, die innerhalb der Familie weitererzählt wurde. Erstaunlicherweise hatten alle eine Geschichte und/oder ein Objekt parat!

Eine Teilnehmerin brachte einen Soldatenhelm ihres Großvaters mit. Andere hatten Briefe oder Dokumente der Großeltern oder Auszeichnungen wie Medaillen mitgebracht. Darüber sollten die Jugendlichen sich austauschen und dabei den Gegenstand und seine Geschichte kennenlernen.
 

Erzählungen von Alltags-Helden

Den meisten fiel auf, dass sich viele 'kleine' Alltags-Helden in den Familien befanden: Die Großtante eines französischen Teilnehmers hatte früher bei der Post gearbeitet und während des Krieges Dokumente gefälscht, damit keine weiteren jungen Männer in den Krieg eingezogen wurden. Der deutsche Großvater eines französischen Teilnehmers arbeitete in einem Kriegsgefangenenlager für russische Kriegsgefangene und wurde an die Front geschickt. Er entfernte heimlich die Munition aus seinem Gewehr. Dem Teilnehmer zufolge sagte er immer: 'Ich fürchtete mich mehr davor, jemanden zu töten, als selbst zu sterben.'

Anschließend arbeiteten die Jugendlichen in Kleingruppen mit persönlichen Dokumenten von zwei Franzosen, zwei Luxemburgern und zwei Deutschen aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Hierbei ging es nicht um Propagandaplakate oder offizielle Staatsdokumente, sondern um Briefe und Dokumente von unbekannten, einfachen Menschen. Nun mussten die Jugendlichen auf DIN-A1-Blättern gemeinsam die Dokumente ordnen und so viele Informationen wie möglich sammeln, um ein „vollständiges“ Bild der Person zu erhalten.
 

Stück für Stück einer Lebensgeschichte

Mit voller Begeisterung versuchten sie, die Lebensgeschichten dieser Menschen wie Puzzleteile zusammenzufügen. Nach einer bestimmten Zeit wurden die Dokumente an die nächste Gruppe weitergereicht. Ich selbst habe diese Aktivität organisiert und angeleitet. Die Neugier der Jugendlichen ließ mir kaum eine Chance, ihnen unter die Arme zu greifen.

Zum Schluss kam es zu einer tiefgründigen Diskussion, wobei ich sehr viel Wert auf die Selbstreflexion legte: Als ich fragte, in welchem Zeitraum die meisten Menschen geboren wurden, kamen Antworten wie 1924 oder 1921. Klar, diese Daten liegen sehr weit in der Vergangenheit. Bei der Frage, wie alt diese Personen denn waren, als der Krieg begann, veränderten sich die Gesichter der Teilnehmenden – als sie feststellten, dass die meisten in ihrem Alter gewesen waren: 16, 20 oder 23 Jahre alt.


„Ihnen wurde ihre Zukunft genommen“

Reaktionen waren unter anderem: „Ihnen wurde ihre Zukunft genommen und niemand denkt mehr an sie.“ Und: „Ich verstehe nicht, warum jemand eine andere Gruppe Menschen so sehr hasst, dass dieser dann einen Krieg beginnt!“ Und: „Das ist doch alles nicht fair…“. Jemand sagte: „Er [eine in Dokumenten genannte Person] hat den Krieg überlebt, aber niemand kann ihm sein verlorene Zeit wiedergeben.“ Und schließlich: „Aber warum musste diese Person so früh in den Krieg ziehen?“

„Nach elf Tagen (...) reisten nicht Franzosen, Deutsche und Luxemburger nach Hause, sondern europäische Freunde.“

Yassine Zaouch

Mein Fazit zum historischen Arbeiten mit Jugendlichen ist, dass die Beschäftigung mit Geschichte kein Alter kennt. Die Teilnehmenden waren teilweise sehr jung und konnten sich dennoch ohne Probleme mit den Informationen auseinandersetzen. Mir selbst als angehendem Historiker öffnete sich das Herz, als ich sah, wie enthusiastisch sie sich mit der Geschichte auseinandergesetzt haben. Und ebendiese Selbstreflexion führt dazu, dass die Fehler der Vergangenheit auch in der Vergangenheit bleiben und nicht wieder begangen werden. Erkenntnis ist der erste Schritt zum Wissen, und ich bin mir sicher, dass alle Jugendlichen nicht nur ihr historisches Wissen stark aufgebessert haben, sondern auch die eine oder andere Lektion fürs Leben dazu gelernt haben. 

Nach elf Tagen voller Impulse, neuer Betrachtungsweisen und interessanter Begegnungen reisten nicht Franzosen, Deutsche und Luxemburger nach Hause, sondern europäische Freunde. Ihnen fiel der Abschied sichtlich schwer.

Text: Yassine Zaouch

Hintergrund

Das Projekt hatte Dr. Nina Janz initiiert, die an der Universität Luxemburg im Projekt „WARLUX“ arbeitet. Yassine Zaouch ist dort studentischer Mitarbeiter. Die Jugendbegegnung wurde vom Volksbund in Kooperation mit der französischen Organisation Intercultura und der Europäischen Vereinigung Eifel-Ardennen Luxemburg (EVEA) umgesetzt und vom Deutsch-Französischen Jugendwerk finanziert.

Auch im internationalen Camp des Volksbunds in Überlingen trafen sich Jugendliche, um Geschichte interaktiv zu entdecken. Der Deutschlandfunk berichtete von der Begegnung und ließ die Jugendlichen aus Bulgarien, Polen, Rumänien, der Ukraine und Deutschland mit ihren Bezügen zu Krieg in der Vergangenheit und heute zu Wort kommen. Einen ausführlichen Bericht zu diesem Camp gibt es hier.

Text: Angelika Müller
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