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Jugendaustausch: Volksbund verbindet Görlitz mit Kreta

Landesverband Sachsen organisiert seit 2016 deutsch-griechisches Geschichtsprojekt – Spurensuche zu Erstem und Zweitem Weltkrieg

Warum gibt es griechische Gräber aus den Ersten Weltkrieg im Görlitz? Diese Frage können inzwischen mehrere 100 Jugendliche und junge Erwachsene aus der sächsischen Stadt und auf Kreta beantworten. Mit einem Jugendaustausch fördert der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. seit acht Jahren historische Bildung und gegenseitiges Verständnis und stiftet zum Teil tiefe Freundschaften. Ein Interview mit Bildungsreferent Carsten Riedel.

 

Herr Riedel, Sie sind mit dem Volksbund groß geworden – im Jugendarbeitskreis Sachsen und als Teamer bei Workcamps. Seit rund zehn Jahren gehören Sie als „Profi“ zum Landesverband und begleiten den Austausch von Anfang an. Was beeindruckt Sie am meisten an diesem Projekt?

Dass so enge persönliche Beziehungen entstehen und die Begegnungen weit über den Austausch hinaus wirken. Die Jugendlichen sind in Gastfamilien untergebracht. Manche treffen sich noch Jahre später und auch Familien besuchen sich gegenseitig.Mich beeindruckt auch, dass wir die Organisation immer wieder hinkriegen. In Görlitz haben wir mit dem Augustum-Annen-Gymnasium einen festen Schulpartner. In manchen Jahren ist sogar das zweite Gymnasium der Stadt, das Joliot-Curie-Gymnasium, mit einer Gruppe beteiligt, die parallel reist.

Auf Kreta wechseln die Schulleitungen alle zwei, drei Jahre. Das macht es manchmal sehr schwierig und wir müssen immer wieder neu auf die Suche gehen. Dabei hilft uns ein starkes Netzwerk, das wir inzwischen auch mit Lehrkräften aus bisherigen Austauschen geknüpft haben.
 

 

Kriegsgräber pflegen ist ein klassisches Volksbund-Element – auch bei diesem Angebot?

Ja, in Görlitz sind es Gräber auf dem städtischen Friedhof. 1916 kamen rund 7.000 griechische Soldaten als „Gäste des Reiches“ dorthin, weil es Lagerkapazitäten gab. Das IV. Armeekorps war „königstreu“ und drohte, bei den politischen Differenzen innerhalb Griechenlands aufgerieben zu werden. Darum hatten die Soldaten um Aufnahme gebeten.

Die Griechen haben das Leben in der Stadt geprägt, in der es kaum Männer in ihrem Alter gab – wegen des Krieges. Sie haben zum Beispiel Geschäfte und eine Zeitung gegründet. Manche sind geblieben und heute noch gibt es Familien mit Wurzeln in Griechenland.

Mehr als 100 starben an der Spanischen Grippe. Sie galten als Kriegstote und haben deshalb dauerndes Ruherecht auf dem Friedhof. Wir pflegen ihre Gräber bei dem Austausch – aber auch die von Deutschen, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind. Beim Gegenbesuch auf Kreta ist die deutsche Kriegsgräberstätte in Maleme unser Einsatzort.
 

Sie gehen mit den Gruppen auch jenseits der Friedhöfe auf Spurensuche. Was gehört dazu?

In Görlitz schauen wir, welche Spuren heute noch in der Stadt sichtbar sind – der Zeitungsverlag zum Beispiel. Auf Kreta besuchen wir unter anderem die Märtyrerdörfer. Das hinterlässt bei den deutschen und auch bei den griechischen Jugendlichen den tiefsten Eindruck: das Ausmaß der deutschen Kriegsverbrechen während der Besatzung von 1941 bis 1945.

 

Welchen Part hat der Volksbund bei diesem Austausch?

Wir waren Initiator und organisieren ihn. Ich betreue die Gruppen, bin an der Suche nach neuen Schulpartnern beteiligt und im Austausch mit den Lehrerinnen und Lehrern, den Jugendlichen und den Gastfamilien. Die meisten Lehrkräfte sind – auch auf Kreta – sehr angetan, wenn sie das Projekt kennengelernt haben. Manche entwickeln ein sehr starkes persönliches Interesse daran.

2016 gab es das Deutsch-Griechische Jugendwerk, das den Austausch finanziell unterstützt, noch nicht. Da waren wir für alles zuständig. Heute setzen wir weiterhin die inhaltlichen Schwerpunkte – denn Kriegsgräberstätten sind nun mal der Ausgangspunkt und das Kernelement unserer pädagogischen Arbeit – und natürlich bringen wir hier unsere Erfahrungen ein.

Ansonsten hat inzwischen jeder Partner seine eigenen Aufgaben. Man kann also sagen, dass wir das Projekt nunmehr tatsächlich gemeinsam mit den Griechen organisieren. Und auch auf deutscher Seite bringen sich die Schulen mit ein.

 

Wie hat sich der Austausch entwickelt und was ist sein Ziel?

Das Interesse ist enorm gewachsen – vor allem nach der Pause während der Pandemie. Wir haben – wie bereits erwähnt – teilweise auch schon zwei Gruppen parallel nach Kreta geschickt beziehungsweise in Görlitz empfangen. Das sind dann immerhin fast 100 Jugendliche und Erwachsene, die sich gleichzeitig mit demselben Thema beschäftigen, Kriegsgräberstätten sowie Gedenkorte besuchen und dabei natürlich auch auffallen und öffentlich wahrgenommen werden.

Ziel ist die persönliche Begegnung und mit ihr der Austausch über unterschiedliche Perspektiven auf die Geschichte. Damit wollen wir Gräben überwinden, die vor allem in Griechenland mit Blick auf die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg noch sehr tief sind. Mit diesem Angebot stärkt der Volksbund auch die deutsch-griechische Freundschaft.
 

Wann geht es weiter?

Vom 14. bis 20. April 2024 wird eine Gruppe aus dem kleinen Ort Voukolies auf Kreta in Görlitz sein. Die Schule dort ist ein neuer Partner. Die deutschen Schülerinnen und Schüler waren bereits im Dezember dort und sind herzlich empfangen worden.

Herr Riedel, wir wünschen Ihnen weiter viel Erfolg mit dem Projekt und danken Ihnen für dieses Gespräch.
 

Aktuelle Berichte zum Jugendaustausch finden Sie auf der Seite des Landesverbandes Sachsen. Die Volksbund-Stiftung Gedenken und Frieden sowie das Deutsch-griechische Jugendwerk fördern das Angebot.
 

Der Volksbund ist ...

... ein gemeinnütziger Verein, der im Auftrag der Bundesregierung im Ausland Kriegstote sucht und birgt, sie würdig bestattet und ihre Gräber pflegt. Daraus leitet er einen Bildungsauftrag ab, den er zum Beispiel mit dem deutsch-griechischen Jugendaustausch erfüllt. Seine Arbeit finanziert er überwiegend aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden. Danke, dass Sie uns unterstützen!

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