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Letzter Brief aus Stalingrad am 29. Geburtstag

Biographisches Material von Walter Mewes aus dem Volksbund-Bestand schildert die letzten Wochen des Jahres 1942 an der Wolga

„Stalingrad – Stimmen aus Ruinen” heißt eine ARTE-Dokumentation, die am 3. Januar 2023 ausgestrahlt wurde. Stimmen aus Stalingrad hat auch der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge veröffentlicht – in der aktuellen Sonderausgabe seiner Mitgliederzeitschrift FRIEDEN. Dort kommt der Feldwebel Walter Mewes zu Wort. Vor 80 Jahren schrieb er seinen letzten Brief.


Seitdem, seit dem 7. Januar 1943, gilt Walter Mewes als vermisst. Der junge Feldwebel gehörte dem Musikkorps des Infanterie-Regiments 211 der 71. Infanterie-Division an. Was er und andere aus dem Süden der so erbittert umkämpften Stadt berichteten, steht im krassen Gegensatz zu dem, was die meisten anderen dort erlebten und durchlitten. Die ARTE-Dokumentation zeigt das eindrücklich.

Als Walter Mewes seinen letzten Brief schrieb, waren gerade mal zwei Wochen seit Heilig Abend vergangen. Er und die anderen vom Musikkorps hatten nach acht Monaten zum ersten Mal wieder die Instrumente ausgepackt und sich an einer Ecke getroffen.
 

„Waren auf das Schlimmste gefasst“

Gemeinsam hatten sie Mut gefasst und waren an einen Platz auf einer höher gelegenen Fläche gegangen, nicht weit vom Wolga-Ufer entfernt. In mondheller Nacht hatten sie begonnen, zu spielen – weithin hörbar auch für den Feind.

„Wir waren auf das Schlimmste gefasst“, schrieb Christian Pfannkuchen später in einem Feldpostbrief. Wie würden die Soldaten der Roten Armee auf die Klänge reagieren? Aber nichts geschah – „in dieser stillen heiligen Nacht blieb wirklich alles still“.
 

Nahezu unwirklich, aber wahr 

Nahezu unwirklich erscheinen die Schilderungen von Christian Pfannkuchen, Walter Mewes und anderen – wie Hans Mewes, der Sohn des Musikers, es beschreibt. Er hat den Nachlass seines Vaters ausgewertet, Feldpostbriefe weiterer Mitglieder des Musikkorps gesammelt und diese Wochen so gut es ging rekonstruiert.

Später stellte er das Material dem Volksbund-Projekt „Kriegsbiographien“ zur Verfügung, damit Schicksale wie diese nicht in Vergessenheit geraten.
 

„Dann spürt man den Krieg“

Am 20. Dezember 1942 schrieb Walter Mewes nach Hause: „Wir haben uns gerade einen Adventskranz gemacht, gleichzeitig auch als Weihnachtsbaum. Ein kleiner grüner Adventskranz, Zigarettenpapier als Lametta usw., nun ist die Weihnachtsstimmung da. Die Gedanken sind zu Hause bei der Familie, bei den Eltern und Geschwistern. Die raue Wirklichkeit sieht natürlich bedeutend anders aus, man braucht nur wenige Schritte tun, dann spürt man den Krieg.“

An anderen Frontabschnitten des Kessels hatte die Hölle von Stalingrad schon längst begonnen. Hier – zwischen den Wasserläufen von Zariza und Minina – war es noch möglich, dass Hauptmann Fritz Schmelz sogar von Heilig Abend als einem „großen Erlebnis“ sprach. Der Kommandeur des II. Bataillons ging bei 15 bis 20 Grad unter Null von Bunker zu Bunker, jeder noch mit sieben bis zehn Soldaten besetzt und geschmückt.
 

Leuchtende Augen und Geschenke

Es gab Kaffee, Stollen und Geschenke: für jeden ein Paket Tabak mit Blättchen zum Drehen, 30 Zigaretten, eine Zigarre, ein Zigarillo, eineinviertel Tafeln Schokolade, etwas Briefpapier oder etwas Zahnpasta, Hautcreme, Einlegesohlen, Rasierklingen, eine Flasche Likör. Die Augen leuchteten, die rauen Stimmen sangen Weihnachtslieder – so schilderte es Schmelz in einem Brief vom 27. Dezember 1942.

„Das Seltsame war, dass diese Soldaten sich nicht vorstellen konnten, dass es am Heiligen Abend bei anderen Einheiten in der eisigen Steppe des Kessels nicht einmal einen Becher heißen Kaffee oder etwas Marmelade zum zu Eis gefrorenen Kanten Brot gab“, sagt Hans Mewes. „Aber es war so! Die große Lage kannte man nur vom Hörensagen. Man glaubte, was man glauben wollte, was positiv klang und was die Hoffnung beflügelte.“
 

Eine der „reichen Divisionen“

Für Ruhe und Zuversicht, die aus den Briefen sprechen, gab es Gründe: Die 71. Infanterie-Division hatte die Wolga als einzige der 6. Armee in der gesamten Divisionsbreite schon Ende September erreicht und verfügte über gut ausgebaute und sichere Stellungen. Sie gehörte zu den „reichen“ Divisionen, die Trosse und Nachschublager noch nicht verloren hatten.

Walter Mewes zufolge lebten sie in Häusern mit Zivilisten zusammen. Eingesetzt waren er und die anderen im Stabsdienst, im Nachrichtenwesen, bei Bergung und Transport von Verwundeten, im Sanitätsdienst. „Viele von ihnen kamen vermutlich erst um die Jahreswende 1942/43 zur kämpfenden Truppe“, so der Sohn.
 

Ein einziger kehrte zurück

„Wollen wir hoffen, dass das Jahr 1943 uns den ersehnten Sieg und Frieden bringt, und wir wieder bei unseren Familien sein können“, schreibt der junge Feldwebel Mewes, der in Oschersleben bei Magdeburg aufgewachsen war, an Heilig Abend an seine Schwester.

Weder für ihn noch für die anderen Angehörigen des Musikkorps sollte sich dieser Wunsch erfüllen. Alle sind vermisst oder in Gefangenschaft geraten und verstorben – alle, bis auf einen: Bruno Jähne kehrte Hans Mewes zufolge als einziger Ende 1949 als entlassener Kriegsgefangener zurück.
 

Vermisstenmeldung am Hochzeitstag

Am 7. Januar, an dem Walter Mewes seinen letzten Feldpostbrief schrieb, wurde der Ehemann und Vater zweier kleiner Jungen 29 Jahre alt. Seine Frau erhielt die Vermisstenmeldung vom 11. Mai 1943 an ihrem Hochzeitstag.

 

Dokumentation auf ARTE

Soldaten und Zivilisten, Russen und Deutsche beschreiben die Hölle von Stalingrad in der ARTE-Dokumentation, ausgestrahlt am 3. Januar 2023 unter dem Titel „Stalingrad – Stimmen aus Ruinen”.

Besonders eindrücklich sind dabei auch die Tagebuchaufzeichnungen von Zivilistinnen und die eines zwölfjährigen Jungen.
 

WAZ-Artikel schlägt Bogen zur Gegenwart

Auch die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) machte eine Stimme hörbar: Unter dem Titel „Stalingrad: Die Toten von Rossoschka” heißt es: „Meine Lieben! Ich bin noch unverletzt. Wir halten zäh aus, bis uns Hilfe kommt. Hoffentlich habt Ihr Post von mir. Ich schreibe jeden Tag. Laß nicht nach in Beten u. Opfern. Es geht um Leben und Sterben...“.

Das Zitat stammt aus einem Feldpostbrief des Kaplans Gustav Raab vom 2. Januar 1943. Der Artikel schlägt den Bogen zur Arbeit des Volksbundes heute – auch zur Kriegsgräberstätte Rossoschka, auf der fast 62.000 Tote begraben sind – und stützt sich auf sein Material aus dem Bestand „Kriegsbiographien”.
 

Eine Biographie für jeden Friedhof

Schicksale zeichnet der Volksbund unter anderem für neue Ausstellungen zu Kriegsgräberstätten nach. Aber auch dort, wo es keine Ausstellungen gibt, soll langfristig mindestens ein Schicksal in Wort und Bild geschildert sein. Biographien sind Teil der Volksbund-Storys auf dieser Webseite.

Die Sonderausgabe der FRIEDEN mit dem Artikel „'Stille Nacht' an der Wolga” ist in der Mediathek zu finden.

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