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Mit Freiwilligen auf dem Gipfel: Workcamp in Italien aus zwei Perspektiven

14 Tage Arbeitseinsatz mit Erwachsenen auf dem Futa-Pass - Campleiter und Teilnehmerin berichten

In 900 Metern Höhe zwischen Bologna und Florenz liegt die Kriegsgräberstätte auf dem Futa-Pass. Im August 2022 war der größte deutsche Soldatenfriedhof Italiens Ziel des zweiten freiwilligen Arbeitseinsatzes des Jahres – ein Angebot des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge für ehrenamtlich Engagierte über 30 Jahre. Jessica Purkhardt und Detlev Vogel schauen zurück.
 

Frank Sinatra hatte das Musikstück „My Way“ bekannt gemacht und nun dröhnte es – von einer Orgel intoniert – durch die Gassen der Kufsteiner Altstadt. Dort hatten wir, die Teilnehmer des zweiten freiwilligen Arbeitseinsatzes des Volksbundes, auf dem Weg in die Toskana einen Zwischenstop eingelegt.

Die größte Freiluftorgel der Welt, 1931 als „Tönendes Denkmal“ zum Gedächtnis an die Gefallenen des Ersten Weltkrieges errichtet, erinnert heute täglich mit einer Auswahl von Musikstücken an die Toten der Weltkriege und an die Opfer von Gewalt weltweit.
 

Serpentinen zum Scheitelpunkt

Ein überraschend passender Bezug zum Engagement des Teams, das in den folgenden zwei Wochen im Volksbund-Auftrag einen Gedenkort für mehr als 30.000 Kriegstote des Zweiten Weltkrieges pflegen und instand setzen würde. Am Ortsrand der 11.000-Einwohner-Gemeinde Barberino di Mugello bezogen wir Quartier.

Von dort fuhren wir am folgenden Morgen mit dem von der Bundeswehr zur Verfügung gestellten Bus die Serpentinenstraße hinauf ins Apennin-Gebirge, auf dessen Scheitelpunkt am Futa-Pass in den 1960er Jahren der größte deutsche Soldatenfriedhof Italiens errichtet worden war – eine gewaltige Anlage, auf der mehr als 30.000 Gefallene des Zweiten Weltkrieges bestattet sind. In einer Spirale aus Terrassen mit dunklen Granitmauern windet sich der Weg entlang der 72 Gräberfelder hinauf bis zum höchsten Punkt.

 

Vielfältige Arbeitsfelder

Friedhofsverwalter Michael Caldari empfing die Gruppe und erklärte die Arbeitsaufträge: Mit Motor-Freischneidern sollten die 12.000 Grabsteine vom wuchernden Gras befreit werden. Insgesamt würden 44 Kilometer Kanten zu beschneiden sein. Darüber hinaus standen zweierlei Malerarbeiten an: Ein neues Holzhaus war mit Wetterschutzfarbe zu streichen. In ihm sollen unter anderem Jugendliche im Rahmen von Camps zur europäischen Verständigung unterkommen.

Am anderen Ende des Soldatenfriedhofs liegt das Wohnhaus des Verwalters. Auf dem Pass ist es besonders dem rauen Klima ausgesetzt, sodass die Fassade, Balkongeländer und Gebälk einen neuen Anstrich brauchten. Abkühlung nach der Arbeit in praller Sonne versprach der nahegelegene Lago di Bilancino. Doch nach Wochen der Sommerhitze und ohne frischen Zufluss aus den Bergen war der Stausee badewannenwarm – und dennoch war das Bad darin nach Feierabend willkommen. Arbeitsintensiv war die Renovierung der Balkonfassade auf der Vorderseite des Gebäudes.

Alte Farbe musste über Kopf abgekratzt werden und der Zugang zu den Balkonen war teilweise nur über eine Leiter möglich. Unterdessen hatte sich der Fünfer-Trupp soweit mit den Freischneidern vertraut gemacht, dass er mit den drei auf dem Friedhof beschäftigten italienischen Kollegen mithalten konnte. Zusätzlich hatte sich ein weiteres Arbeitsfeld aufgetan: Durch das in die Jahre gekommene Drainagesystem am Hang lässt das Wasser nicht mehr zuverlässig ableiteten. Jedes Jahr rutschen die Grabsteine einige Zentimeter weiter herab. 

Unerwartetes und Überraschendes

Mittags bereits variantenreich vom mitgereisten Koch der Bundeswehr verköstigt, folgte die Gruppe an einem Abend einer Einladung des Friedhofsverwalters: Michael Caldari empfing uns ehrenamtliche Unterstützer an einem Fischweiher und servierte Paella aus einer mächtige Eisenpfanne.

Am nächsten Tag sorgte ein Hubschrauber für Aufregung, der auf der Kriegsgräberstätte landete und Wanderer absetzte, die sich offenbar im Wald des Apennnin verirrt hatten. Sie hatten einen Notruf abgesetzt und waren mit dem Feuerwehr-Hubschrauber gerettet worden. Die Kriegsgräberfriedhof bot genug freie Fläche, um sicher landen zu können.

Erholungspause mit Kultur

Am Samstag besuchten wir die Renaissance-Metropole Florenz. Mit Knopfohrhörern folgten wir der Stadtführerin durch die Altstadt. Eine moderne und angenehme Art, eine Stadt kennenzulernen – selbst bei 40 Grad Hitze.

Am Sonntag setzte sich die Gruppe mit Zeitgeschichte und dem Zweiten Weltkrieg in der Region auseinander. Nach dem Besuch eines Museums, das sich der damals als Gotenlinie bezeichneten deutschen Abwehrstellung widmet, fuhren wir mit einem Museumsmitarbeiter hinauf auf die Höhe des Giogo-Passes, der wie der benachbarte Futa-Pass Teil der Verteidigungslinie war.

Dort hat der Museumsverein an einigen Orten die deutschen Feldstellungen originalgetreu nachgebaut. Eine Erfahrung, die auch mit Blick auf den Soldatenfriedhof auf dem Futa-Pass erhellend war: Die dortige Krypta ist ebenfalls einem Unterstand nachempfunden und lässt die Umstände erahnen, unter denen viele der auf dem Futa-Pass Begrabenen ihre letzten Lebenstage verbrachten.
 

Erholt in die zweite Woche

Nach der Erholung des Wochenendes konnten die Arbeiten auf der Kriegsgräberstätte mit neuer Kraft fortgesetzt werden, während in der Ferne über tiefer gelegenen Bergen lokal begrenzte Regenschauer über der Toskana niedergingen, die dem ohnehin fantastischen Panorama von der Höhe des Futa-Passes noch ein weiteres Farbenspiel hinzufügten.

Die Malerarbeiten an der Jugendhütte waren mittlerweile abgeschlossen und unten am Haus des Friedhofsverwalters näherten sich die Renovierung auf der Vorder- und Rückseite des Gebäudes gleichfalls ihrem Ende.

In der zweiten Woche gingen die Malerarbeiten gut voran und die Truppe mit Motorsensen näherte sich ihrem Ziel: dem Gipfel. Darum blieb Zeit, auch den US-amerikanischen Soldatenfriedhof bei Florenz zu besuchen mit seinen schneeweißen Marmorkreuzen auf makellosem Rasen in Reih und Glied – auch das ein Anlass, sich mit der Geschichte und unterschiedlichen nationalen Formen der Gedenkkultur auseinanderzusetzen.

Gemeinsam mit den Mitarbeitern des Friedhofs erinnerten wir Ehrenamtlichen an die auf dem Futa-Pass Begrabenen und an alle Opfern von Krieg, Gewaltherrschaft und Verfolgung weltweit. Anders als bei den meisten Arbeitseinsätzen nahmen keine Gäste etwa aus Politik oder Verwaltung teil.

Auf dem Futa-Pass war das kein Wermutstropfen, denn Besucherinnen und Besucher hatten in den zwei Wochen in großer Zahl den Weg auf den Soldatenfriedhof gefunden und das Gespräch mit uns Ehrenamtlern gesucht. Auf etwa halber Strecke eine Fernwanderwegs von Florenz nach Bologna gelegen, ist die Kriegsgräberstätte ein guter Ort, um auszuruhen und interessiert über den Friedhof zu spazieren.

So ergab sich mitunter mehr Austausch als bei anderen Arbeitseinsätzen. Dem Auftrag des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge – Völkerverständigung und Versöhnung über den Gräbern – wurde die Gruppe aus Deutschland in mehrfacher Hinsicht gerecht: durch Arbeit, Dialog und Präsenz auf dem Futa-Pass.

Text: Jessica Purkhardt

„Mein Fazit: Auch in meinem Alter kann man durchaus mal ins kalte Wasser springen und schwimmen.“

Campleiter Detlef Vogel

Aus der Sicht des Campleiters

Zum ersten Mal an der Spitze – so könnte man den Bericht des Campleiters überschreiben. Detlef Vogel hatte nach zweimaliger Teilnahme und als Unterstützer bei der Vorbereitung der Camps in Lettland und Italien nur bedingt Erfahrungen, die er an den Futa-Pass mitbrachte:

Die Fußstapfen waren groß – das zeigten die Erfahrungsberichte langjähriger und erfahrener Teilnehmer. Bange machen galt nicht: Für mich als ehemaliger Berufssoldat war ein Rückzieher keine Option. Bereits die Vorbereitungsperiode zeigte, dass das Wasser gar nicht so kalt und tief war. Bodo Henze, erfahren und routiniert bei der Lösung solcher Aufgaben, sollte der perfekte Mentor für mich sein.
 

Zur Vorbereitung über die Alpen

Schon im April 2022 fuhren wir gemeinsam in Richtung Futa-Pass, wo die entscheidenden Eckpunkte festgezurrt wurden: die Unterkunft, die Abendverpflegung, die Bedingungen vor Ort, der Kontakt zu den Verantwortlichen der Kriegsgräberstätte sowie Art und Umfang der anstehenden Arbeiten.  

In Kassel – in der Bundesgeschäftsstelle des Volksbundes – wurden zentral das Budget und die Formalitäten der Teilnehmer geregelt. Vier Wochen vor dem Start erreichte mich die erste Teilnehmerliste. Fragen der Camp-Teilnehmer per Mail oder per Telefon erforderten meine Aufmerksamkeit. Tauchten Fragen meinerseits auf, hatte Bodo ständig ein offenes Ohr. Der finanzielle Rahmen war abgesteckt und in meine Verantwortung übergeben.
 

Täglich Zeit genommen

Es wurde ernst. Was galt es jetzt, in der Zielkurve der Vorbereitung, zu beachten und zu organisieren? Die Anreise mit einem optimalen Zustieg der Teilnehmer, die Gestaltung des Wochenendes, die Absprachen mit den Verantwortlichen der Bundeswehr in Wunstorf traten auf den Plan.

Mit manchen Teilnehmern hatte ich noch gar keinen Kontakt, der eine oder andere benötigte  mehr Aufmerksamkeit. Mails und Telefonate wurden zahlreicher. Es war erforderlich, täglich Zeit für die Vorbereitung einzuplanen.
 

Die Bundeswehr – hervorragender Partner

An dieser Stelle möchte ich die Unterstützung durch die Bundeswehr hervorheben. Die Verantwortlichen des Volksbundes pflegen seit Jahren eine hervorragende Partnerschaft, speziell mit dem Lufttransportgeschwader 62 in Wunstorf. Das Team für den Futa-Pass war durch Bodo bereits geplant und eingewiesen worden. Bei einem abschließenden Treffen ging es noch um Detailfragen wie Fahrstrecke, Haltepunkte oder welches Material zusätzlich benötigt wird.

Auch hier traf ich auf ein Team, das man sich nicht besser hätte wünschen können. Sei es der Koch oder der „Spieß” oder die beiden Busfahrer. Alle waren bis in die Fingerspitzen motiviert, hatten bereits jede Menge Erfahrung bei der Organisation von Workcamps und nahmen mich auch mal für Tipps und Hinweise zur Seite.
 

Es geht los

„Ohne Mampf kein Kampf” – darüber musste ich mir in den kommenden 14 Tagen dank des engagierten Versorgers und des absolut professionellen Kochs keine Gedanken machen. Die Kraftfahrer sahen nicht nur ihren Bus, sie waren auch da, wenn sie für andere Aufgaben gebraucht wurden. Es konnte losgehen.

Schon bei der Anreise spürte ich die Freude und Motivation jedes Einzelnen. Alle waren bereit, erstklassige Arbeit zu leisten, erwarteten aber auch eine dementsprechende Organisation und Durchführung des Workcamps. Die zurückliegenden Camps hatten zum Teil einen sehr hohen Anspruch an die handwerklichen Fähigkeiten und die Kreativität der Teilnehmerinnen und Teilnehmer gestellt. Die Facebook-Beiträge auf der Volksbund-Seite aus den vergangenen Jahren zeigen das.
 

Jeder macht das, was er kann

Dieser hohe Anspruch galt nicht für das Camp am Futa Pass. Schwerpunkte waren Malerarbeiten und Tätigkeiten mit dem Freischneider. Damit waren diese ausschließlich körperlich herausfordernd. Es zeigte sich, dass dabei der Altersdurchschnitt der Teilnehmer, der zwischen 38 und 83 lag, berücksichtigt werden musste. Jeder packte – entsprechend seiner physischen Möglichkeiten – da an, wo es sein musste.

Trotzdem gab es auch Differenzen und unterschiedliche Ansichten gerade bei der täglichen Zusammenarbeit. Ein Teilnehmer konnte nicht akzeptieren, dass aufgrund physischer Unterschiede nicht jeder jede Arbeit machen konnte. Aber auch so eine Diskussion war für das Teambuilding hilfreich.
 

Zu alt gefühlt für Jugendcamps

Da war der Teilnehmer mit mehr als zehn Jahren “Volksbund Erfahrung”, die junge Frau die sich für Jugendcamps zu alt fühlte, sich aber trotzdem engagieren will, oder das Ehepaar, das erst am zweiten Camp teilnahm, aber fließend Italienisch sprach. Also Individualisten, die bereit waren, sich 14 Tage als Team unter den harten Bedingungen des Workcamps zu bewähren. 

Hervorzuheben bleiben aber auch die Gespräche und Diskussionen unter den Teilnehmern – zu zweit, zu dritt oder in der Gruppe. Dabei ging es im wahrsten Sinne des Wortes um Gott und die Welt. Auch die Gespräche mit den zahlreichen Besuchern und den Wanderern, die zufällig den Friedhof entdeckten, waren eine tolle Erfahrung.
 

Dazulernen, Meinungen überprüfen

Spannend war auch, Ansichten, Meinungen und Überzeugungen unterschiedlicher Generationen zu erleben, selbst dazuzulernen, bisherige Meinungen zu überprüfen oder zu ändern.

Am Ende bekam ich ein positives Feedback durch das Team. Die Darstellung unserer Arbeit auf Facebook und die Öffentlichkeitsarbeit stehen auf meiner To-do-Liste für das nächste Camp.

Text: Detlef Vogel (Campleiter)

Freiwillig aktiv: Ü-30-Arbeitseinsätze

Freiwillige Arbeitseinsätze richten sich an Erwachsene ab dem 30. Lebensjahr. Im Mittelpunkt des Interesses steht die Kriegsgräber- oder Gedenkstätte, die die Gruppe pflegt und bei Bedarf instand setzt, angeleitet von einem Volksbund-Mitarbeiter. Außerdem geht es darum, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen und die Region kennenzulernen. Dabei steht nicht nur das Kriegsgrab im Mittelpunkt.
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