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„Unsere Welt hat die Liebe not“

Paul Löbe am ersten Volkstrauertag vor 100 Jahren – die Geschichte des Volksbund-Gedenktages

Vor zwei Wochen wäre der Volkstrauertag ein Gedenktag mit einer 100-jährigen Geschichte gewesen. Nun hat er wieder eine erschütternde Aktualität gewonnen: In Europa tobt ein Krieg, Tausende Menschen sind verwundet, gestorben, auf der Flucht. Ein Anlass, über die Geschichte dieses Tages nachzudenken.

 
Der erste Volkstrauertag ist auf den 5. März 1922 datiert. Das Datum mag verwundern, denn heute wird er als einer der wenigen staatlichen Feiertage im November begangen. Er steht in der Reihe der stillen Feier- und Gedenktage – Allerheiligen, Allerseelen, Totensonntag. Doch was war der Anlass seiner Gründung? Wie hat er sich in den 100 Jahren seiner Existenz verändert? 
 

Zeichen der Solidarität 

Eingeführt hat den Volkstrauertag der 1919 gegründete Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge zum Gedenken an die Kriegstoten des Ersten Weltkrieges. Der Volksbund ist eine nichtstaatliche, humanitäre Organisation, die sich überwiegend aus Spenden finanziert.

Die Gründung hatte einen traurigen Anlass: Nach dem Ersten Weltkrieg wollten Angehörige wissen, wo ihre Männer und Söhne, ihre Brüder und Väter geblieben waren. Zumindest wollten sie Gewissheit haben, wo die Gräber lagen, um einen Platz zum Trauern zu finden. Der Volkstrauertag sollte ein Zeichen der Solidarität sein: derjenigen, die keinen Verlust zu beklagen hatten, mit denen, die um Gefallene trauerten. Bereits im November 1921 hatte der Volksbund einen Ausschuss ins Leben gerufen, der sich mit dem Thema eines nationalen Gedenktages beschäftigte. 
 

Ein ideelles Mahnmal

Der Volksbund lehnte damals den Bau eines großen Ehrenmals ab. Er empfahl als ideelles Mahnmal einen säkularen Gedenktag, der – losgelöst von den kirchlichen Gedenktagen im November – vorranging der Erinnerung an die gefallenen Weltkriegssoldaten gewidmet sein sollte. 
Der Volkstrauertag sollte nicht nur die Trauer und die Vergangenheit, sondern einen Aufbruch in eine neue bessere Zukunft symbolisieren. Deshalb plädierte der Volksbund dafür, diesen Gedenktag in den Frühling zu legen. Aus dieser Symbolik des „deutschen Frühlings“ nach dem Winter sollte ein nationaler Aufbruch abgeleitet werden. 
 

Rede vom 5. März 1922 vielbeachtet

Die erste offizielle Feierstunde fand 1922 im Deutschen Reichstag in Berlin statt. Der damalige Reichstagspräsident und SPD-Abgeordnete Paul Löbe hielt eine im In- und Ausland vielbeachtete Rede, denn er stellte einer Gegenwart voller Feindseligkeiten den Gedanken an Versöhnung und Verständigung gegenüber. „… Leiden zu lindern, Wunden zu heilen, aber auch Tote zu ehren, Verlorene zu beklagen, bedeutet Abkehr vom Hass, bedeutet Hinkehr zur Liebe, und unsere Welt hat die Liebe not ...“ 

Ein Komitee, dem neben Kulturschaffenden, Glaubensgemeinschaften, Hilfsorganisationen und dem jüdische Frauenbund zahlreiche weitere Organisationen angehörten, hatte unter Federführung des Volksbundes erreicht, dass der Volkstrauertag in den meisten Ländern des Reiches gemeinsam begangen wurde.
 

Der „Heldengedenktag“

Die Organisationen der sozialistischen Arbeiterschaft, der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund und der Reichsbund deutscher Kriegsbeschädigter standen dem ablehnend gegenüber, denn sie befürchteten, dass dieser Tag zu nationalistischen Feiern benutzt werden könnte. Ihre Bedenken sollten sich bestätigen: Die Veranstaltungen zum Volkstrauertag wurden in den Folgejahren immer stärker von martialischen Reden, militärischer Symbolik und nationalen Mythisierungen geprägt.

1933 wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler gewählt: ein Schicksalsjahr für die Deutschen. Besser gesagt, ein Schicksalsschlag – aber im doppelten Wortsinne ein selbstgewählter. 1934 bestimmte das neue nationalsozialistische Regime per Gesetz den Volkstrauertag zum Staatsfeiertag und „Heldengedenktag“. Nun flatterten die Fahnen nicht mehr auf Halbmast, sondern wurden voll gehisst.

Im November 1936 schrieb Propagandaminister Joseph Goebbels in seinen Tagebüchern, dass das Trauern eingeschränkt werden müsse, es sei „so ganz und gar unnationalsozialistisch”.  Die Träger des „Heldengedenktages“ waren von da an die Wehrmacht und die NSDAP. Die Richtlinien über Inhalt und Ausführung erließ der Reichspropagandaminister. Entsprechend martialisch war die Ausstrahlung der Veranstaltungen – bis zum bitteren Ende 1945. 
 

Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr

Nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland erinnerte der Volksbund, der rasch nach dem Krieg in den drei westlichen Besatzungszonen die Arbeit wieder aufgenommen hatte, an den Volkstrauertag. 1950 wurde er erstmals neben vielen regionalen Veranstaltungen mit einer Feierstunde im Plenarsaal des Deutschen Bundestages begangen.

Der Termin wurde nach einer Übereinkunft zwischen der Bundesregierung, den Ländern und den großen Glaubensgemeinschaften auf den vorletzten Sonntag im Kirchenjahr (evangelisch) beziehungsweise den 33. Sonntag im Jahreskreis (katholisch) verlegt. 
 

Historische Themen erschreckend aktuell

Die Formen des Gedenkens veränderten sich mit der gesellschaftlichen Modernisierung der Bundesrepublik. Gleiches gilt für das Totengedenken: Anfangs nahm das Totengedenken ausschließlich die gefallenen Weltkriegssoldaten in den Blick, heute wird an dieser Stelle aller Opfer von Krieg und Gewalt gedacht.

Mit dem Verschwinden der direkt vom Krieg Betroffenen verändern sich die Gedenkkultur und die Gestaltung. Nun sollen jüngere Menschen angesprochen werden, denen das Themenspektrum anders zu vermitteln ist. Mit einem globaleren Blick darauf können aber auch weitere Kreise angesprochen werden. So ließ der Volksbund, der traditionell die Gedenkstunde zum Volkstrauertag im Reichstag ausrichtet, 2015 junge Geflüchtete aus Syrien dort zu Wort kommen.
 

Prominente Europäer

Der Volksbund lud immer wieder ganz unterschiedliche Rednerinnen und Redner ein und ließ gerade auch junge Menschen und prominente Europäer zu Wort kommen. In den Gedenkstunden sprachen bisher unter anderem der Präsident der Europäischen Kommission Jean-Claude Juncker, der französische Staatspräsident Emmanuel Macron und Prinz Charles. Auch Władysław Bartoszewski, einer der deutsch-polnischen Brückenbauer und später Außenminister, war schon als Redner zu Gast. Heute versteht der Volksbund diesen Gedenktag als Tag der Mahnung zur Versöhnung, zu Verständigung und Frieden.

Der Volksbund betreut heute im Auftrag der Bundesregierung die Gräber von etwa 2,8 Millionen Kriegstoten auf über 830  Kriegsgräberstätten in 46 Staaten. Er wird dabei unterstützt von mehr als einer Million Mitglieder und Förderer sowie der Bundesregierung. 
 

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