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Zum Beispiel Ivan Matijašić – ein Opfer, ein Held

„Geheime Kommandosache – Raketenrüstung in Oberschwaben“: Buch zum Außenlager Saulgau in dritter Auflage vorgestellt – Erlös für die Jugendarbeit

Zwei Generationen waren an dem Buchprojekt beteiligt und der Erlös kommt der jungen Generation – der Jugendarbeit des Volksbundes – zugute. Das macht das Engagement beispielhaft, an dessen Ende die dritte Auflage dieses Titels steht: „Geheime Kommandosache – Raketenrüstung in Oberschwaben. Das Außenlager Saulgau und die V2 ( 1943-1945)“. „Saulgau war nicht Berlin, war nicht Dachau oder gar Auschwitz. Aber gerade das muss uns erschrecken“, sagte Volksbund-Präsident Wolfgang Schneiderhan bei der Buchvorstellung in Oberschwaben.

Autor ist der 81-jährige Georg Metzler, der jahrzehntelang recherchiert und dokumentiert hatte. Sein Sohn Matthias Metzler rief dieses wichtige Thema der Stadtgeschichte in einem Vortrag in Erinnerung. Von 1943 bis 1945 war im Konzentrationslager Saulgau, einem Außenlager des Konzentrationslagers Dachau, das größte Bauteil für die wohl berüchtigtste Waffe des NS-Regimes hergestellt worden: die Halbschale der Rakete V2, die unter der Propagandabezeichnung  „Vergeltungswaffe 2“ bekannt wurde.
 

„Das macht es nicht weniger schlimm“

Nach den Luftangriffen auf Friedrichshafen war die Produktion vom Bodensee in das weniger gefährdete Saulgau verlegt worden. Zeitweise bis zu 400 KZ-Häftlinge lebten und arbeiteten in den vier Baracken des Lagers unter furchtbaren Bedingungen. 43 Häftlinge starben, davon 37 noch am 5. April 1945 beim Transport vom Außenlager Überlingen nach Oberschwaben.

„Es war nur eines von rund 160 Außenlagern des Konzentrationslagers Dachau und die Zahl der hier gefangenen, ausgebeuteten und gequälten Menschen war vergleichsweise gering“, sagte Wolfgang Schneiderhan. Aber das mache ihr Schicksal nicht weniger schlimm. Die Freiheit brachte am 22. April 1945 der Einmarsch französischer Truppen. Die Häftlingsbaracken wurden wegen Typhusgefahr abgebrannt. Seit 2005 erinnert eine Stele mit Gedenkstein an das Lager und seine Opfer.
 

Lebenswerk Georg Metzlers

Das Buch über dieses finstere Kapitel der Stadtgeschichte ist das Lebenswerk von Georg Metzler. Ihm ging es auch und vor allem um die Schicksale der Häftlinge. Er hat den Kontakt zu Zeitzeugen und Überlebenden gesucht, Interviews geführt und sich mit ihren Schicksalen nach Kriegsende beschäftigt.

Wolfgang Schneiderhan dankte ihm für seine umfangreichen und mühsamen Recherchen. „Wir wissen auch aus unserer Arbeit, wie belastend es ist, sich immer wieder mit den Details von Mord, Folter und Grausamkeit zu befassen. Und doch müssen sie exakt dokumentiert werden, um der Leugnung und dem Vergessen entgegenzutreten. Die Lebensläufe, die das Buch nachzeichnet, beschreiben zudem anschaulich, wie Menschen zu Opfern oder auch zu Tätern wurden.“

Matthias Metzler möchte das Werk und den damit verbunden Auftrag der Erinnerung im Sinne seines Vaters weiterführen. Ihm ist es wichtig, die Geschichte an junge Menschen weiterzugeben, damit sie verstehen, dass das Leben in Frieden keine Selbstverständlichkeit ist.
 

Kontakt zu Jugendlager Federsee

Dass die Familie Metzler den Verkaufserlös spendet, ist auch dem persönlichen Kontakt zu Jan-Michal Boll zu verdanken. Er engagiert sich seit über zehn Jahren in der Jugend- und Bildungsarbeit im oberschwäbischen Volksbund-Jugendlager Federsee. Präsident Schneiderhan dankte für die Spende und die damit verbundene Wertschätzung der Bildungsarbeit des Volksbundes.

Warum sind solche Bücher heute wichtig und bleiben es weiterhin? Weil „die menschlichen, geistigen und materiellen Verwüstungen nicht nur Geschichte sind, sondern eine Schicht, die den Unterboden unserer Gegenwart und Zukunft bilden“, war die Antwort Schneiderhans. „Hier gab es Opfer und Täter, Opfer, die zugleich als Funktionshäftlinge Täter waren, Täter, die sich im Rahmen des ihnen Möglichen menschlich benommen haben, Ignoranten in der Bevölkerung, die weggeschauten – und mutige Menschen, die Essen für die Häftlinge abgezweigt oder über einen ‚toten Briefkasten‘ Nachrichten der Lagerinsassen an ihre Angehörigen weitergeleitet haben.“ Auch unter den Opfern habe es Helden gegeben wie den Lagerarzt Dr. Ivan Matijašić. „Das alles geschah nicht irgendwo in der Welt, sondern hier in Saulgau.“
 

Reise nach Pula

Ivan Matijašić  hatten Vater und Sohn Metzler in Pula besucht. 1916 in Kroatien geboren, hatte der Mediziner jugoslawische Partisane behandelt, war im Herbst 1943 in seiner Heimatstadt Pazin verhaftet und am 16. Januar 1944 nach Dachau deportiert worden. Im Juni 1944 war er in Saulgau angekommen.

Hier trat er die Nachfolge des verstorbenen Häftlingsarztes an. Vielen rettete er das Leben und leistetet Hilfe, wo immer er konnte. Nach der Befreiung am 23. April 1945 wurde Dr. Matijašić zum Chefarzt des Saulgauer Kreiskrankenhauses ernannt und kehrte im August desselben Jahres in seine kroatische Heimat zurück. Beim Besuch in Pula in den späten 1980er Jahren übergab Ivan Matijašić seine Häftlingsuniform an die Familie Metzler, die sie mit nach Saulgau nahm. Sie ist heute im Stadtmuseum ausgestellt. 

Mehr Informationen zu Jugendarbeit des Volksbundes gibt es hier.

Text: Heike Baumgärtner (Bildungsreferentin)
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