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Geweint, geflucht - aber vor allem begeistert

Freiwilligendienst: ein Jahr neben 39.000 Gräbern
Ein Artikel von Sophie Heinig

Vor den Zugfenstern zieht die karge Landschaft vorbei, ein paar Bäume, ein Industriegebiet, dann ein Parkplatz – der Zug bremst quietschend. Schließlich öffnen sich die Türen und wir steigen aus. Zwei riesige Koffer, zwei Rucksäcke, meine Trompete. Und zwei Menschen, die versucht haben, ihr ganzes Leben und alles, was sie im nächsten Jahr brauchen werden, in diese Gepäckstücke zu packen. Wir atmen durch und schauen uns auf dem dämmrigen Bahnsteig um. So nervös wir auch sind – als ein paar Leute auf uns zukommen, in der Hand ein Papierschild mit unseren Namen, wissen wir: Jetzt beginnt ein neuer Abschnitt. Jetzt beginnt unser Freiwilligendienst im Huis over Grenzen“, der Jugendbegegnungsstätte des Volksbundes, in Belgien, in Lommel.

Pause zwischen Schule und Studium

Für mich war schon lange vor meinem Schulabschluss klar, dass ich nach dem Abi ein Auslandsjahr machen wollte. Während es dafür viele Gründe geben kann, war meiner in erster Linie, dass ich eine Pause zwischen Schule und Studium dringend brauchte. Ich hatte entschieden, zu studieren, und wollte davor noch einmal vollkommen andere Erfahrungen sammeln. Ein Jahr lang arbeiten, alleine leben, neue Leute treffen und in einem fremden Land auf eigenen Füßen stehen. 

Von den vielen deutschen und internationalen Organisationen, die Jugendliche ins Ausland entsenden, entschied ich mich für ijgd – Internationale Jugendgemeinschaftsdienste. Und nach einer Weile des Überlegens bewarb ich mich für die Arbeit beim Volksbund im belgischen Lommel mit einem Förderprogramm der EU. Beinah alle Freiwilligendienste haben gemeinsam, dass sie bei gemeinnützigen Organisationen geleistet werden. 
 

Viele Wege – ein Ziel

Aus diesem Grund und um die Kosten für Entsendung, Unterkunft, Betreuung und Taschengeld der jungen Erwachsenen zu zahlen, werden die meisten Projekte von verschiedenen Institutionen gefördert. So entstehen viele unterschiedliche Angebote mit ähnlichem Charakter, etwa das Freiwillige Soziale Jahr in Deutschland (auch Freiwilliges Ökologisches Jahr, Freiwilliges Soziales Jahr in der Denkmalpflege und mehr), Auslandsjahre über „weltwärts“ oder eben das „European Solidarity Corps“, das von der EU geförderte Programm, an dem ich teilnahm.
 

Viel wusste ich nicht über meine zukünftige Stelle, lediglich dass es in Lommel einen vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge betreuten deutschen Soldatenfriedhof mit angrenzender Jugendbegegnungsstätte gibt. Hier sollte ich gemeinsam mit drei anderen Freiwilligen Schulklassen willkommen heißen, Führungen machen und Workshops veranstalten. Wohnen würden wir alle gemeinsam in eigenen Zimmern in der Jugendbegegnungsstätte. So weit, so gut. Und so stiegen Jesper, mein deutscher „Mitfreiwilliger“, und ich an einem warmen Augustabend aus dem Zug und wurden von einigen unserer neuen Kollegen begrüßt, um dieses ganz spezielle Jahr zu beginnen. Damals war ich 18 Jahre alt.

Es ist einer dieser Abende. Maria, Jesper und ich sitzen im geschlossenen Hof ten Vrede, dem Café im Erdgeschoss der Jugendbegegnungsstätte, wo wir dank der freundlichen Besitzer unsere Abende verbringen dürfen. Wir trinken belgisches Bier und essen Fischsuppe, eine Köstlichkeit des Hauses, die der Koch extra für uns aufbgehoben hat. Ich habe den anderen beiden Rommee beigebracht und wir alle spielen mit Begeisterung. Nebenbei unterhalten wir uns über die Arbeit, das Leben und Gott und die Welt – natürlich auf Englisch, denn Maria kommt aus Spanien. Manchmal ist es komisch, wie einfach man sich verstehen kann. Maria ist meine beste Freundin. Sie stellt mich ihren Bekannten in Lommel vor, wir kochen und gehen töpfern, wir machen einen Adventskalender, backen Plätzchen, füllen unsere Stiefel für Nikolaus. Im Advent ist das Haus in Lommel endlich mein Zuhause.

Während eines Freiwilligendienstes lernt man viel Neues und macht viel Neues. Vor allem lernt man neue Leute kennen. Menschen, die gleich oder auch anders denken als man selbst. Die eine andere Sprache sprechen und unter den unterschiedlichsten Bedingungen aufgewachsen sind. Nicht nur Maria, Jesper und Daniela, meine „Mitfreiwilligen“ in Lommel, und meine Kollegen lernte ich im Lauf des Jahres kennen.
 

Netzwerk erweitert bei Seminaren

Das europäische Förderprogramm beinhaltete auch zwei Seminare, bei denen ich andere Freiwillige aus Belgien getroffen und neue Freundschaften knüpft habe. Das Tolle daran: In einem Land, in dem man noch nie war und das man gerne entdecken möchte, kann man so perfekt unterkommen. In den Monaten nach dem Seminar besuchte ich einige der anderen Freiwilligen an ihren Einsatzstellen in Städten in ganz Belgien und sie besuchten mich. 

Auch in Lommel lernte ich neue Leute kennen, vor allem, als ich am Anfang einen Jugendchor besuchte oder gegen Ende des Freiwilligendienstes im Café kellnerte. Das brachte noch eine andere Herausforderung mit sich: die Sprache. Im flämischen Teil von Belgien, in dem Lommel liegt, spricht man Niederländisch – eine Sprache, die ich vor dem Beginn des Auslandsjahres nur in Bruchstücken mit einer App gelernt hatte.
 

Sprachkurs? Fantastisch!

Während alle meine Kollegen gut Englisch und einige sogar Deutsch sprachen und die meisten Schulklassen und ein Teil der Besucher der Jugendbegegnungsstätte aus Deutschland kamen, musste ich außerhalb der Arbeit Niederländisch sprechen. Beim Einkaufen, im Chor (obwohl meine Chorleiterin der liebste Mensch der Welt war und mein Englisch ein wenig verstand, konnte sie leider nur auf Niederländisch antworten) und vor allem beim Sprachkurs. Auch hier neue Leute, denn die bunt gemischte Truppe, die zweimal wöchentlich versuchte, mit unserer geduldigen Lehrerin Niederländisch zu sprechen, war fantastisch. Und die Sprache zu lernen, half mir mehr und mehr, mich in Belgien wohl und angekommen zu fühlen.

Aber auch anderes Neues muss man während so eines Auslandsjahres lernen: das selbstständige Leben. Dinge, die eigentlich banal erscheinen, die aber für junge Erwachsene, die direkt von der Schule kommen, eine große Herausforderung sind. Sei es, sich selbst zu versorgen, Wäsche zu waschen oder auch nur an den Wochenenden auf sich allein gestellt zu sein. Die ersten Wochen und Monate waren ein konstantes Lernen und Lernen und das hörte niemals ganz auf. Aber zum Glück ist eine der Grundvoraussetzungen für einen Freiwilligendienst enorm viel Neugier.

Die Jungen und Mädchen folgen mir zwischen den Gräbern entlang über den Friedhof. Hier und da halten wir an und ich spreche über den Menschen, der hier begraben liegt. Über Edgars Greste, der als baltischer Kriegsgefangener mehrere Monate nach Ende des Zweiten Weltkrieges starb. Über Albert Breitzke, den Sozialdemokraten, der in die Wehrmacht gedrängt wurde. Über Friedrich Alpers, den Major der Luftwaffe, der vor 1939 immer weiter in der NSDAP aufgestiegen und für die Verfolgung mehrerer Widerstandskämpfer in Braunschweig verantwortlich war. Und über Hermann Dänner, den Jungen, der in den letzten Monaten des Krieges mit nur 17 Jahren fiel.

17 Jahre, so alt sind die meisten Schüler, die mir gegenüberstehen. Ich finde es richtig, dass sie betroffen sind, dass sie zuhören und Fragen stellen. Ich finde es richtig, dass der Friedhof sie genauso stumm macht, wie er mich stumm macht, auch wenn ich zum zehnten oder 20. Mal über ihn gehe. Ich sage es nicht bei der Führung, aber ein ganzes Stück weiter hinten auf dem Gräberfeld liegt der Bruder meines Urgroßvaters. Die Toten des Ersten und Zweiten Weltkrieges, die hier liegen, sind nicht so weit von uns entfernt, wie man denkt.
 

Workshops und Führungen

Besonders am Anfang des Freiwilligendienstes war die Betreuung der Schulklassen, die meist für eine Woche in der Jugendbegegnungsstätte bleiben, eine unserer Hauptaufgaben. An der Seite des hauptamtlichen belgischen Personals waren wir Freiwilligen sowohl für administrative Aufgaben als auch für das Putzen der Räume und das Zubereiten der Mahlzeiten zuständig. Zum Programm der Studienfahrten zählten zudem immer auch eine Führung und häufig ein Workshop zum Thema Menschenrechtsverletzungen früher und heute.

Zu Beginn fiel mir besonders deutlich auf, dass die Schüler, die bei uns übernachteten, nur wenige Jahre jünger waren als ich selbst. Aber je länger ich in der Jugendbegegnungsstätte arbeitete, je mehr ich über die Geschichte lernte und je sicherer ich im Auftreten vor den Klassen wurde, desto mehr verschob sich dieser Blick. Ich schien zu wachsen.
 

Das eigene Projekt

Ein großer Teil der Aufgaben der Freiwilligen war auch die Planung eines eigenen Projekts. Während Jesper und ich erst im September mit der Arbeit begonnen hatten, waren die anderen beiden Freiwilligen, Maria aus Spanien und Daniela aus Portugal, bereits seit Anfang des Jahres in Lommel. So konnten wir relativ zu Beginn miterleben, wie die Projekte der beiden – europäische Jugendaustausche – Gestalt annahmen. Diese Möglichkeit, junge Leute aus anderen Ländern kennenzulernen, waren für mich Highlights während des ganzen Jahres.

Nach den Weihnachtsferien und Marias und Danielas Abreise sollten auch Jesper und ich je ein eiegnes Projekt planen. Generell stand uns dabei offen, um was es sich handeln sollte: Jesper entschied sich für die Entwicklung einer Ausstellung, ich mich für die Organisation meines ganz eigenen Jugendaustauschs.
 

Unfreiwillig zurück nach Hause

Es gab nur ein Problem, das nicht nur uns im März 2020 mit voller Härte traf: Corona. Fast war es eine Nacht-und-Nebel-Aktion, in der entschieden wurde, dass die Mitarbeiter der Jugendbegegnungsstätte zur Sicherheit ins Home-Office geschickt würden. Für uns zwei Freiwillige hieß das: zurück nach Deutschland. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, dass wir erst fast drei Monate später nach Belgien zurückkehren würden.

Es dauerte eine Weile, sich an die neue Situation zu gewöhnen, mit Videokonferenzen klarzukommen und auch, sich wieder zu Hause einzuleben, nachdem ich zuvor über ein halbes Jahr lang alleine gewohnt hatte. Da die Jugendbegegnungsstätte vor allem Besucher und Schulklassen betreut, fiel ein Großteil unserer Aufgaben plötzlich weg.
 

Fördermittel und Freiluftkonzept

Stattdessen taten Jesper und ich uns zusammen, um Fördermittel für mein Austauschprojekt zu beantragen und es fertig zu planen, auch wenn wir nicht wussten, ob es jemals stattfinden würde. Tatsächlich wurde es um ein Jahr verschoben und war diesen Sommer ein absoluter Erfolg: „A Place to Be“, eine internationale Jugendbegegnung mit 20 jungen Leuten aus vier Nationen. Danach beschäftigten wir uns mit der Ausstellung und erarbeiteten ein Freiluftkonzept, das der unsicheren Situation angepasst war.
 

Und endlich, Ende Juni, kehrten wir nach Lommel zurück. Plötzlich war vieles anders. Schulklassen kamen keine mehr, von jetzt an gaben wir vor allem Führungen und betreuten die Ausstellung, die sich mit den Lebensgeschichten von drei auf dem Friedhof begrabenen Soldaten beschäftigte.
 

Begegnung am Grab

Ein absolutes Highlight für mich: Während der Recherche zu einem der Soldaten stand ich in Kontakt mit seiner Nichte und ihrer Mutter, der Schwester des Soldaten. Im Juli konnten sie uns besuchen und die Ausstellung mit eigenen Augen sehen. So ging das Jahr zwar anders als gedacht, aber doch noch aufregend zu Ende.

Es ist eine warme Augustnacht und dank der Dunkelheit, die über dem Friedhof liegt, leuchten die Sterne hell am Himmel. Jesper und ich stehen auf dem Dach der Krypta vor der Jugendbegegnungsstätte und blicken über das schwarze Gräberfeld, jeder von uns hat ein Glas in der Hand. Für andere mag es komisch wirken, dass wir nachts auf der Krypta stehen. Aber ich finde es seltsam ruhig und beinah tröstlich hier oben. Vielleicht kann man das nur verstehen, wenn man ein Jahr lang neben einem Friedhof wie diesem gelebt hat. Und heute ist der letzte Abend unseres Auslandsjahres. Morgen fahren wir zurück nach Deutschland.
 

Es ist unmöglich, die ganzen Erlebnisse eines Jahres einfach so zusammenzufassen. Wenn mich jemand fragt, wie mein Auslandsjahr war, kann ich eigentlich nichts antworten, denn eine Antwort bräuchte mindestens fünf Minuten. Selbst in so einem Text kann ich nur einen Bruchteil meiner Erfahrungen und meiner Gefühle unterbringen, nur ein paar Highlights rauspicken. Und manches kann man gar nicht in Worte fassen. Wer sich noch mehr für meinen Freiwilligendienst in Lommel interessiert, kann sich gerne den Podcast anhören, der im Rahmen der Ausstellung entstanden ist.
 

„Ja“ zu genau dieser Entscheidung

Vielleicht so viel: Bin ich froh, dass ich das Jahr gemacht habe? Absolut. Würde ich jemandem empfehlen, so ein oder ein ähnliches Jahr zu machen? Auf jeden Fall. Hat es mich verändert, erwachsener gemacht und bin ich damit zufrieden? Zweifellos. War es am Anfang merkwürdig, direkt neben einem Friedhof zu wohnen? Natürlich. War es schwierig, in einem unbekannten Land anzukommen und sich dort einleben zu müssen? Sicher. Habe ich manchmal vor Erschöpfung oder Verzweiflung geweint oder geflucht oder hatte ich manchmal keine Lust, morgens zur Arbeit zu gehen? Ja und das ist normal. Würde ich mich, mit allem dem Wissen, das ich jetzt habe, noch einmal für genau diesen Freiwilligendienst entscheiden? Zu 100 Prozent!

Jesper und ich haben die Gläser ausgetrunken. Eine Weile lang blicken wir noch über den dunklen Friedhof, bis uns zu kalt wird. Wir gehen die Treppe vom Kryptadach nach unten. Ein letztes Mal für dieses Jahr. Aber nicht für immer.

 

Nachtrag:
Sophie und Jesper waren dabei, als „ihr“ Projekt – „A Place to Be“ – im Juli 2021 schließlich doch Wirklichkeit wurde. Nicht auf der Seite der Organisatoren, sondern als Teilnehmerin und Teilnehmer. Informationen zur Jugendbegegnungsstätte „Huis over Grenzen“ gibt es hier.

Freiwilligendienste bietet der Volksbund in seinen Jugendbegegnungsstätten und in Deutschland bei den Landesverbänden an. Dort erhalten Interessierte nähere Informationen.

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