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Ausmaß des Krieges wurde ganz neu deutlich
Kreisverband Siegen-Wittgenstein des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. lud zur Exkursion nach Ysselsteyn ein
16. April 2019
  • Arnsberg

Kreis Siegen-Wittgenstein/ Ysselsteyn. Ysselsteyn liegt etwa drei Autostunden von Siegen entfernt, direkt hinter der deutsch-niederländischen Grenze. Wenige Kilometer südwestlich von Venray, einer Gemeinde mit rund 40.000 Einwohnern in der Provinz Limburg, wurde die mit 30 Hektar flächenmäßig größte Kriegsgräberstätte der Welt nach dem Krieg errichtet. Auf ihr ruhen alle im Zweiten Weltkrieg in den Niederlanden gefallenen oder verstorbenen Deutschen, soweit sie nicht nach Deutschland überführt wurden.

Dass jede und jeder von ihnen ein Mensch mit Biographie, Familie, Träumen oder Berufswünschen war, das wurde den Teilnehmern in einem Workshop deutlich, der von der Jugendbildungsstätte des Volksbundes, die unmittelbar neben der Kriegsgräberstätte gelegen ist, angeboten wurde. Hier konnten die Teilnehmer anhand von historischen Dokumenten, Briefen, Tagebüchern und Bildern das Schicksal von sechs der knapp 32.000 Kriegstoten näher kennen lernen. Nachdem diese von kleinen Arbeitsgruppen zu Kurzbiographien zusammen gefasst worden waren, begaben sich die Schüler erneut auf die Kriegsgräberstätte, um die einzelnen Gräber dieser Menschen aufzusuchen. Hilfreich war hier ein Lageplan, der die Suche unter den vielen Grabkreuzen vereinfachte. Dort angekommen, stellten die Gruppen dann die einzelnen Biographien vor.

Besonders bewegend war für viele beispielsweise das Schicksal des Oberleutnant Georg Quass, einem sechsfachen Familienvater, der sich mit einigen seiner damaligen Kameraden in aussichtsloser Lage den alliierten Streitkräften ergab und aufgrund eines Gefangenenaustauschs zurück in deutsche Hand geriet. Hier wurde ihm dann wegen Hochverrat der Prozess gemacht. Am 18.11.1944 wurde er standesrechtlich erschossen. Ein Gnadengesuch wurde abgelehnt. Seine Ehefrau blieb mit den Kindern zurück. Ein Schüler zitierte aus dem Abschiedsbrief, der seiner Familie erhalten blieb: "Den Kindern kannst du einmal sagen, dass ihr Vater einen Fehler begangen hat, für den er mit seinem Leben büßen musste; er aber kein feiger, unwürdiger und ehrloser Mensch gewesen ist."

Ganz anders, aber ebenso dramatisch stellte sich das Schicksal von Anneliese Lehmann dar. Sie war als Zivilangestellte auf dem Flugplatz Stendal angestellt. Bei einer Zugfahrt in den Heimaturlaub nach Deutschland wurde sie Opfer eines Bombenangriffs am 8. April 1945 und verlor mit 25 Jahren ihr Leben.

Den Abschluss des Studientages in Ysselsteyn bildete eine Austauschrunde, in der Eindrücke und Erkenntnisse gesammelt wurden. Viele Schüler berichteten davon, dass der Zweite Weltkrieg mit seinen Schrecken und dem Ausmaß nun für sie ein "Gesicht" habe. Andere waren auf Grabkreuze von Menschen aufmerksam geworden, die kaum älter oder sogar noch jünger waren, als sie selbst und deren Leben aufgrund des Krieges sinnlos beendet wurde. Manch einer hatte auf der Kriegsgräberstätte sogar Kindergräber entdeckt.

Ein Schüler der Klasse FOS 83 schilderte seine Eindrücke ganz offen. "Als ich den Infozettel für den Ausflug las, war ich nicht sonderlich beeindruckt. Als Schüler denkt man eher gelangweilt über Fahrten zu solchen Orten. Direkt nach der Ankunft in Ysselsteyn aber habe ich den großen Unterschied zwischen einer Zahl auf einem Informationsblatt und einem unvorstellbar großen Gräberfeld mit ca. 32.000 Einzelschicksalen von Opfern, Schuldigen und Helden des sinnlosen Krieges erkannt. Heute habe ich dort vor Ort mehr gelernt, was Krieg bedeutet, als ich jemals aus einem Lehrbuch erfahren würde."

Auch Ingolf Jost, Geschäftsführer des Kreisverbandes Siegen-Wittgenstein, zeigte sich erneut tief bewegt von dem mahnenden Charakter der Kriegsgräberstätte. Aber er freue sich auch, so Jost weiter, dass mit diesem Studientag junge Menschen entdeckt hätten, wo ein solch sinnloser Krieg endet. Und er ermutigte die Teilnehmer abschließend: "Bitte setzt euch für das kostbare Gut des Friedens ein. Und engagiert euch in unserer Gesellschaft für Demokratie und Rechtsstaat."

Text: Pressestelle des Kreises Siegen-Wittgenstein

Diese Fahrt wurde gefördert durch die Stiftung Gedenken und Frieden.