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Für Frieden und Demokratie müssen wir kämpfen
Volkstrauertag: Rafal Dutkiewicz spricht bei der Gedenkfeier im Bundestag
16. November 2019

Gastredner bei der zentralen Gedenkveranstaltung an diesem Sonntag im Deutschen Bundestag ist der langjährige Stadtpräsident von Breslau, Dr. Rafal Dutkiewicz. Der 60-Jährige lebt derzeit in Berlin und ist Richard-von-Weizsäcker-Fellow der Bosch-Stiftung. Dutkiewicz gilt als ein sehr genauer Beobachter der deutsch-polnischen Beziehungen und entwickelte in seiner 16-jährigen Amtszeit als Oberbürgermeister Breslau zu einer lebendigen, europäisch geprägten Kulturstadt.

Herr Dutkiewicz, Sie sprechen am Sonntag im Deutschen Bundestag vor einem vollen Plenum. Viele Menschen werden die Gedenkstunde zum Volkstrauertag auch in der ARD live verfolgen.

Rafal Dutkiewicz: Es ist mir eine sehr große Ehre, eingeladen zu sein. Ich werde zum Thema machen, dass die Fortsetzung des europäischen Friedensprojektes und der Klimaschutz die drängendsten Aufgaben der Gegenwart sind.

80 Jahre nach dem Überfall von Nazi-Deutschland auf Polen ist auch das deutsch-polnische Verhältnis ein zentrales Thema. Wie ist es aktuell um die Beziehungen beider Länder bestellt?

Unterschiedlich. Zwischen Warschau und Berlin gibt es gewisse Spannungen, da ist zum Teil eine ungute Dynamik zu spüren. Die gegenwärtige Regierung Polens träumt davon, der wichtigste Verbündete der USA zu werden. Und Präsident Trump nutzt das aus, um die europäischen Länder zu spalten. Wir in Europa haben gedacht, dass wir Frieden und Demokratie für immer haben werden. Jetzt spüren wir, wie sehr wir für diese Werte kämpfen müssen. Das zeigt aber auch, wie wichtig das deutsch-polnische Verhältnis ist.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier war erst jüngst bei einem in Deutschland sehr beachteten Staatsbesuch in Polen. Wurde dieser Besuch auch in der polnischen Öffentlichkeit wahrgenommen?

Ja, mich haben viele Menschen darauf angesprochen. Der Bundespräsident hat eine sehr gute Rede in Wielun gehalten, auch deshalb freue ich mich jetzt auf ein Wiedersehen mit Frank-Walter Steinmeier auf der Gedenkfeier des Volksbundes.

Ist der Volkstrauertag als Gedenktag für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft noch zeitgemäß?

Ich mache Ihnen dazu eine kurze Rechnung auf. Wenn Sie jeden Tag ein Grab eines Toten des Zweiten Weltkrieges besuchen wollten, bräuchten Sie für diese Reise 160.000 Jahre. Das zeigt uns, wie immens die Opfer in unseren Ländern waren. Dazu noch eine weitere Zahl: In den letzten Monaten haben die Nationalsozialisten Breslau zur Festung erklärt. Allein von Februar bis Mai 1945 wurden 80 Prozent der Stadt zerstört. 170 000 Menschen starben in dieser kurzen Zeit, es sind mehr Opfer als in Hiroshima und Nagasaki.

Breslau ist auch ein Symbol der brutalen Vertreibung.

Ja, hier wurde die Bevölkerung so gut wie komplett ausgetauscht. Deutsche flohen in den Westen, Menschen aus Lemberg kamen nach Breslau. Breslau wurde zu einer neuen Heimat für Hunderttausende, die wiederum ihre Heimat verloren hatten. Dazu eine kleine Anekdote aus dem Fußball: Als der FC Breslau Lemberg mit 3-2 besiegte, war die Unsicherheit groß: Haben wir gewonnen oder wie?

Und wie ist es als Pole aus Breslau, in Berlin zu leben?

Von Kurt Tucholsky stammt der Satz „Jeder anständige Berliner kommt aus Breslau.“ Ich habe das Zitat das erste Mal von Berlins ehemaligen Bürgermeister Walter Momper gehört. Heute muss man eher sagen: „Jeder anständige Berliner muss mal in Breslau gewesen sein.“

Zum Videostatement von Rafal Dutkiewicz

Von Harald John