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Geschichte darf nicht verblassen!
Aufrüttelnde Worte zum Volkstrauertag in Kiel
29. November 2019

Viele hochrangige Redner sprachen in der zentralen Gedenkstunde des Landes Schleswig-Holstein zum Volkstrauertag im Plenarsaal des Landtages in Kiel am 17. November. 

Der Krieg endet nicht mit dem Friedensvertrag

Parlamentspräsident Klaus Schlie erklärte: „Kriege haben einen langen Schatten, sie beginnen nicht erst durch eine Kriegserklärung und sie enden nicht mit einem Waffenstillstand und einem Friedensvertrag“, so Schlie. „Für traumatisierte Menschen endet damit nicht das Leid, das der Krieg verursacht hat. Dessen schreckliche Folgen haben Generationen zu ertragen.“

Andenken ehren, in dem wir aus der Geschichte lernen

In seiner Gedenkrede rief Ministerpräsident Daniel Günther dazu auf, die Erinnerung an Krieg und Zerstörung, an Völkermord und an die unzähligen Verbrechen gegen die Menschlichkeit wachzuhalten. „Die Toten der beiden Weltkriege sind und bleiben uns Mahnung. Wir halten ihr Andenken in Ehren, indem wir aus der Geschichte lernen“. Er forderte „Wir müssen lernen, die Komplexität der Welt auszuhalten und ihr aufgeklärt und differenziert begegnen“ und warnte davor, „Geschichte verblassen zu lassen“, gerade in einer Zeit, „in der rechte Hetzer Grenzen des Sagbaren immer weiter verschieben“.

Keiner von uns weiß, wie ein echtes Schlachtfeld aussieht

Alle Redner sprachen kluge und passende Worte. Doch die ergreifendsten Worte fand die 16-jährigen Schülerin Lea Hinz aus Neumünster. Sie erklärte, dass sie zur ersten Generation gehöre, die keine Zeitzeugen mehr kennt „Wir lernen Daten, Fakten, Zusammenhänge, behandeln Ursachen und Folgen… doch Familiengeschichten kennen wir nicht. … Keiner von uns – meiner Generation – kann sich ausmalen, wie ein echtes Schlachtfeld aussieht… Wir leben zwar in einer Zeit des Erinnerns, doch wie soll ich mich an etwas erinnern, zu dem ich absolut keinen Bezug außer meiner Herkunft habe?“

Die Antwort konnte sie sich selbst geben. „Vielleicht muss ich das nicht. Vielleicht muss ich ja einfach zur zuhören. Die Geschichte zeigt, wie sich Repression in Aufständen, ja in ganzen Kriegen entlädt. Sie zeigt, wie überzogener Nationalismus, Egoismus, Militarismus und Ausgrenzung eine ganze Welt in den Abgrund stürzen und unendliches Leid bringen können. Die Geschichte lehrt uns aber auch Verzeihen und den Umgang mit ehemaligen Feinden.“

Zuhören war ein Kern ihrer Botschaft: „In Zeiten, in denen Populismus und Fremdenfeindlichkeit wieder einen Platz in den demokratischen Parlamenten und Präsidenten-Palästen dieser Welt finden, ist nichts wichtiger, als zuzuhören. … Wer nicht zuhören will, der ignoriert die Vergangenheit.“

Für ihre Worte erhielt die Schülerin großen Applaus von den 200 Gästen – unüblich in der Gedenkstunde zum Volkstrauertag – aber mehr als berechtigt. Für den musikalischen Rahmen sorgte das Blechbläserquintett des Marinemusikkorps Kiel unter der Leitung von Stabsbootsmann Michael Germeshausen.

Der schleswig-holsteinische Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V., Landtag, Landesregierung und die Landeshauptstadt Kiel hatten gemeinsam zu der zentralen Gedenkstunde für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft in den Plenarsaal des Landeshauses geladen.