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Jugendliche auf Spurensuche in Italien
Neuer Zugang zur Geschichte
08. August 2019

Sommer am Gardasee - das bedeutet Erholung, Baden, Spaß und spannende Exkursionen nach Verona und Venedig. Das alles erleben gerade 23 Jugendliche aus Deutschland und Italien in Costermano.Doch bei dem Projekt geht es um weit mehr als den reinen Spaßfaktor. Diese jungen Menschen haben es sich selbst zur Auftrag gemacht, auf der Kriegsgräberstätte in Costermano zu arbeiten und sich mit dem Thema Krieg und Gewaltherrschaft zu beschäftigen. Dabei hilft auch die neue 19 für 19-Ausstellung sowie die zugehörige App für den Besuch der Kriegsgräberstätte. Parallel dazu findet auch in Cassino ein interessantes Workcamp statt.

Erst vor wenigen Wochen wurde eine neue Ausstellung im Eingangsbereich des Friedhofs, auf dem 21.990 deutsche Soldaten des Zweiten Weltkrieges ruhen, installiert. Sie vermittelt den Besuchern nicht nur historische Fakten zum Kriegsverlauf, sondern stellt das menschliche Schicksal im Krieg in den Mittelpunkt. Einzelne Biographien sind im Eingangsgebäude dokumentiert und machen es den Besuchern auch mit Hilfe einer App möglich, Geschichte jenseits von Fakten und Zahlen zu vermitteln. So werden Friedhöfe zu Lernorten der Geschichte.

Besonders interessant sind dabei die konkreten Einzelbiografien wie etwa von Erwin Schlünder und Hans Schmidt. Beide hatten 1944 in der Ortschaft Albinea versucht, mit Partisanen zusammenzuarbeiten und auf diese Weise konkreten Widerstand gegen die Wehrmacht zu leisten. Aber sie wurden entdeckt – und anschließend erschossen. Zudem gibt es einen eigenen Ausstellungsbereich zum Thema "Krieg als Verbrechen", der sich schonungslos mit den ungeheuerlichen Untaten von in Costermano bestatteten Kriegsverbrechern auseinandersetzt.

 

All diese Ausstellungsinhalte sind auch als App verfügbar und können vor Ort heruntergeladen werden. Die App „Digitaler Friedhof“ ermöglicht einen GPS-geführten Rundgang über die Kriegsgräberstätte und vermittelt dabei konkrete Gestaltungsmerkmale, historische Hintergründe sowie weitere Biografien. Zudem ist das Ganze auch ortsunabhängig als "virtueller Rundgang" über den Friedhof beziehungsweise durch die Ausstellungsthemen nutzbar.

Da auch die Workcamp-Teilnehmenden von der neuen Ausstellung tief beeindruckt waren, folgten sie gerne der Einladung der Gemeinde Albinea und fuhren nach Reggio Emilia. Dort begaben sich die Jugendlichen auf Spurensuche zum Thema Widerstand und Verfolgung. In Albinea besuchten sie die Villa Rossi (Foto unten), dem Ort der Erschießung der oben erwähnten Soldaten.

Das besondere des Projekts ist der deutsch- italienische Austausch unter den Jugendlichen. Bei einem Nationenabend stellen sie ihre Länder vor, lernen von der Kultur der anderen und schließen neue Freundschaften.

Die App "Digitaler Friedhof" finden Sie hier:

Für iOS 

Für Android 

PAX – die Botschaft von Monte Cassino

Seit dem 28. Juli sind 21 Jugendliche aus verschiedenen Regionen Deutschlands auch in Cassino/Italien mit dem Volksbund unterwegs. Dort haben sie ihre Zeltstadt auf friedhofseigenem Gelände aufgeschlagen. Jeden Morgen, wenn die Temperaturen noch angenehm sind, arbeiten sie auf der Kriegsgräberstätte: sie pflegen die Grünflächen, reinigen die Steinkreuze und zeichnen Inschriften auf den Grabsteinen nach. Doch bevor die Arbeit beginnt, geht die ganze Gruppe jeden Morgen an das Grab eines Soldaten, von dem Briefe, Bilder und aufgeschriebene Erzählungen der Verwandten vorliegen – und lesen diese gemeinsam. Dabei kommen sie in Berührung mit dem Schicksal der Menschen, die in der Region um Cassino gestorben sind. Unter den Biographien ist die Geschichte eines jungen Soldaten, der drei Wochen vor seinem 19. Geburtstag bei einem Granatbeschuss gestorben war.

Es ist ein besonderes Jahr in dieser Region und das ist vielerorts spürbar: Vor 75 Jahren fanden die erbitterten Kämpfe um Cassino ihr Ende. Mehr als 75.000 Soldaten aus den verschiedensten Ländern dieser Welt hatten ihr Leben verloren. Beim Besuch des polnischen, des italienischen und des englischen Friedhofs haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer das Ausmaß dessen begriffen, was hier vor so vielen Jahrzehnten geschehen ist. Gemeinsam gingen Sie mit Pino Levante vom Hotel „La Pace“ aus auf Exkursion in die Ruinen des Dorfes am Fuße des Monte Cassino. Seit vielen Jahrzehnten ist er um Versöhnung bemüht und beherbergt Menschen verschiedener Nationen, die auf den Spuren ihrer Familiengeschichte nach Cassino kommen.

Der Besuch des Klosters zu Beginn des Aufenthaltes führt den Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch vor Augen, wie sehr die Zivilbevölkerung unter der Zerstörung ihrer Stadt litt. Auch das weltberühmte Kloster wurde am 15. Februar 1944 vollständig zerstört. Nur eines vermochten die Bomben nicht zu zerstören: die Inschrift über der Eingangspforte, die heute als Synonym für die Sinnlosigkeit des Krieges und als Mahnmal steht – „PAX“.

Am letzten Wochenende standen Sightseeing und Erholung auf dem Programm: Auf den Besuch der UNESCO-Ausgrabungen von Pompeij und den Besuch des Vesuv hatten sich alle gefreut. Und dann ist das Meer auch nicht weit weg ...

Am 8. August startet die Gruppe dann nach Rom, wo sie das Forum Romanum erkundet, das Colosseum besucht und die einmalige Atmosphäre der italienischen Metropole genießt, bevor es dann am 10. August wieder Richtung Heimat geht.

Heike Baumgärtner

Maurice Bonkat
Redakteur
+49 (0) 561-7009-281