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Eine Expedition ins Ungewisse
Eindrücke einer Reise zum Kluchor-Pass
29. August 2018

Am Anfang war es nur ein Gerücht, das in Russland auftauchte und sich verbreitete: Irgendjemand habe von irgendjemandem gehört, er habe bei einer Wanderung in den Gletschern des kaukasischen Elbrus-Massivs die eingefrorenen Körper von deutschen Soldaten des Zweiten Weltkrieges entdeckt. Und warum sich niemand darum kümmere…

Das Gerücht konnte gut wachsen, denn vieles sprach dafür: Ende Juli 1942, während der sogenannten „Sommeroffensive“ waren drei deutsche Armeen vom unteren Don nach Süden und nach Südosten in Bewegung gesetzt worden. Während die 1. Panzerarmee südlich von Rostow nach Maikop vorstieß, drangen die 4. und die 17. Armee nach Pjatigorsk und bis zum Kaukasus vor. In einer als Propaganda-Aktion gedachten Erstürmung des Elbrus wurde sogar kurzfristig die deutsche Reichskriegsflagge auf dem 5633 m hohen Gipfel des höchsten europäischen  Berges gehisst. Doch schon im Dezember 1942 mussten die deutschen Soldaten sich aus den eroberten Gebieten und der unwegsamen Gebirgsregion wieder zurückziehen. 130 000 deutsche Soldaten und mehr als 340 000 Soldaten und Bürger der Sowjetunion fielen dieser furchtbaren Offensive zum Opfer.  Nur 17616 Deutsche konnten bisher geborgen und auf dem Friedhof in Apscheronsk bestattet werden. Viele von denen, die bisher noch vermisst sind, fanden ihren Tod wohl auch bei Märschen und Kämpfen in den kaukasischen Bergen.

Aus dem Gerücht wurde eine Nachricht an das russische Außenministerium.  Aus der Nachricht  eine Verbalnote der russischen Regierung  an das  Auswärtige Amt. Dieses wiederum fragte den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, denn  schließlich führt er im staatlichen Auftrag die Suche, Identifizierung und Bestattung der Kriegstoten aus den Weltkriegen durch.  Allerdings waren unsere Mitarbeiter dabei noch nie bis in die hochgelegen Regionen des Kaukasus vorgedrungen. Die Gletscher, der Kalte Krieg und später die politische Krise zwischen der Russischen Föderation und Georgien machten die Suche hier bislang unmöglich.

Nun jedoch,  nachdem die Frage  von russischer Seite an den Verein herangetragen wurde, war die Zeit gekommen, eine Exkursion zu planen und vor Ort die Situation zu sondieren.  Möglich war dieser Schritt allerdings nur deshalb, weil dem Volksbund mit der Bundeswehr ein  Partner zur Seite steht, der bereits in vielen Jahren durch Arbeitseinsätze und weiteres Engagement die schwierige Aufgabe des Vereins unterstützt. Mit sechs Soldaten der Gebirgsjägerbrigade 23, Bad Reichenhall, und der Versicherung  gleicher Unterstützungsleistung durch russische Soldaten  konnte im August dieses Jahres die Reise begonnen werden.

Vor dem alpinen Aufstieg galt es jedoch, die administrativen Hürden und Gipfel zu nehmen. Zwei Jahre dauerte es, bis auf deutscher und russischer Seite alle notwendigen Informationen, Genehmigungen und Anweisungen vorlagen. Und selbst vor Ort schien dann noch jegliches Betreten der Region aufgrund von Grenzschutz- und Umweltanweisungen für  die Gruppe deutscher Soldaten und Volksbundmitarbeiter unmöglich. Doch dann endlich konnte die Erkundungsgruppe mit historischen Fotos und notwendigen Geräten ausgestattet in die  2000-3000 m hohe Gebirgsregion vordringen, um hier die Lage zu erkunden.

Wo sind sie geblieben  

Gleich am ersten Abend bringen die Soldaten erfreuliche Nachrichten zurück: Die Stelle, an der eines der historischen Fotos aufgenommen wurde, sei vermutlich gefunden, so dass der nächste Tag zur Sondierung eines möglichen Gräberfeldes genutzt werden könne.

Als Generalsekretärin und einzige Frau in der Gruppe habe ich das Privileg, mit dem Jeep des Forstamtes einen steilen Weg mit vielen Serpentinen bergauf bis fast zur Sondierungsstelle gefahren zu werden. Radik, der russische Jäger und Wildhüter des Naturreservats, führt das Auto mit beherzter Entschlossenheit, obwohl kaum Platz für das Fahrzeug auf der schmalen Bergstraße ist.  Allerdings fordert sein Fahrstil von den Mitfahrenden  sowohl Unerschrockenheit als auch eine gewisse Souveränität beim Abfedern und Sortieren der eigenen Gliedmaßen. Denn Radik denkt nicht daran, am Ende einer Serpentine das Lenkrad zu benutzen, stattdessen bremst er ruckartig knapp vor dem Abgrund, um dann ebenso rasant zurückzusetzen und erst dann gemütlich um die Kurve zu biegen. Auf diese Weise erhält der Beifahrer einmal vorwärts, einmal rückwärts eine schwindelerregende Perspektive auf die unglaubliche schöne, aber steil abfallende Landschaft ringsum.

Alexej Bock, sein Vorgesetzter und hauptamtlicher Vertreter der Naturschutzbehörde vor Ort, nimmt den Fahrstil mit Gleichmut und versucht stattdessen ein Gespräch: Wie wir Deutschen mit unserer Geschichte umgehen würden? Ob wir noch alte Dokumente und Filme dazu hätten? Als ich ihn nach seinem deutschen Nachnamen frage, kommt natürlich auch die zufällige Namensgleichheit mit Fedor von Bock zur Sprache, der als Feldmarschall im Januar 1942 die Heeresgruppe Süd  übernahm, jedoch bereits im Juli 1942 seines Amtes als Befehlshaber enthoben wurde. Heute herrscht sein Namensvetter Alexej über das riesige Naturschutzgebiet. Ob tatsächlich eine Verwandtschaft vorliegt, bleibt jedoch offen.

Oben an der Stelle, wo wir den Friedhof vermuten,  graben bereits die deutschen und russischen Soldaten unseres kleinen Suchtrupps. Immer wieder wird die Perspektive der beiden Fotos mit der Kulisse ringsum verglichen. Alles passt – die zwei Felsblöcke vor der Friedhofsmauer, der Schwung der Bergrücken, ja sogar der Stein, der das Hochkreuz von hinten gestützt haben mag, liegt noch dort.

Doch unsere Schaufeln stoßen auf Fels und Geröll, der Metalldetektor ortet nur einige alte Dosen, Werkzeug- und Waffenteile.

Ein Suchtrupp der russischen und deutschen Gebirgsjäger macht sich am nächsten Tag auf den Weg ins Eis. Durch das Gelände führt kein Weg oder Pfad, knorrige Rhododendron-Sträucher, Felsbrocken und Gestrüpp sind Fallstricke und behindern das Vorwärtskommen. Trotzdem meistern die jungen Soldaten den Marsch in Rekordzeit und betreten gemeinsam das Eis. Alle sind auf ihre Aufgabe und die Schwierigkeiten konzentriert, so dass keine Zeit bleibt, sich zu vergegenwärtigen, was hier eigentlich geschieht: Deutsche und russische Soldaten suchen gemeinsam nach den sterblichen Überresten ihrer Vorfahren, die im Krieg gegeneinander gestorben sind.

Der Gletscher ist in den letzten Jahrzehnten gewaltig zurückgegangen, an vielen Stellen zeigt sich schon Fels und Lehm. Dennoch bekommt man eine Vorstellung von den Umständen, die die Soldaten beider Seiten während der Kämpfe 1942 bewältigen mussten. Manch einer wurde gefunden, den die Gletscher wieder freigegeben haben, sagen mir die beiden erfahrenen Wildhüter Alexej und Radik. Aber das ist schon lange her, in letzter Zeit haben sie nichts bemerkt. Auch unser Suchtrupp kommt mit der Erkenntnis zurück, dass auf diesem Gletscher jedenfalls entgegen den Angaben in der  ursprünglichen Nachricht keine Toten mehr zu bergen seien. Zurück kommen sie aber auch mit vielen Fragen, die nun vorsichtig auch zwischen beiden Nationen hin und her gestellt werden: Wie viele Tote wir bereits eigentlich in Russland gefunden haben? Wie wir eigentlich Namen und Orte wüssten?  Ob man sich in Deutschland auch um die Toten der Roten Armee kümmere? Schwierige Themen, die jedoch behutsam und respektvoll angesprochen werden. Und natürlich auch einfache, freundschaftliche Neugier und Alltagsthemen:  Wie hoch ist der höchste Berg bei euch? Was gehört zu eurer Mahlzeit? Wie alt bist du, wo bist du schon geklettert? Aus der anfangs argwöhnischen Distanz wird durch die gemeinsam geteilte Arbeit und Zeit eine spürbare gegenseitige Anerkennung und sogar Anteilnahme.

Über Gräber weht der Wind

Dass am letzten Tag sogar ein deutscher General den Einsatz begleitet, wird mit staunender Anerkennung quittiert. Auf einer gemeinsamen Tour zum hochgelegenen See wenige hundert Meter von der georgischen Grenze am Kluchor-Pass, zeigen die russischen Grenzsoldaten die alten deutschen Stellungen und erklären die historischen Bewegungen über den Pass und ins Tal.

Auf dem Weg zurück kommt man auch an der Stelle vorbei, an der sich vermutlich ein weiterer Friedhof befand. Sicher sind wir uns allerdings nicht, da durch Lawinen und Erdrutsche die Geographie  verändert scheint und die genaue Position nicht bestimmt werden kann. Auch die Grabungsarbeiten an der ersten Sondierungsstelle sind weiterhin ergebnislos verlaufen.

Nachdenklich, erschöpft und auch niedergeschlagen kehren wir an diesem Tag zu unserem Quartier zurück. 

Alexej hat mir ein Bukett aus Heilkräutern, Blaubeeren und Blumen gepflückt. Wenn man daran riecht und die Augen schließt, entsteht der ganze Eindruck der hochgelegen Berglandschaft vor dem inneren Auge: Die schroffen Kulisse der steilen Berggipfel, die weißen Gletscherfelder, der tiefgrüne See, der schäumende Wasserfall. Die  tiefe Stille der Natur,  mit dem Geruch nach Thymian  und der leise Wind über den Gräsern.

Haben die vielen Männer, ob Russen, ob Deutsche das auch so erlebt? Was ist in ihnen in diesen Momenten vorgegangen?

Wann wird man je verstehen?

Bevor wir die Rückfahrt antreten, folgen wir noch einem Hinweis der Wildhüter und besuchen eine Zeitzeugin, die im Dorf Tebogan unweit des Kluchortales wohnt.  

Irina Pawlowna, wird in diesem Jahr am 22 September 2018  88 Jahre. Das sind drei Zweien und drei Achten auf einen Schlag, sagt sie, das ist doch mal schick. Gastfreundlich lädt sie uns sofort in ihr malerisches Häuschen ein, bewirtet uns mit Blaubeeren und erzählt uns  aus ihrem Leben

1936, mit  6 Jahren, habe sie das erste Mal im Leben einen Deutschen gesehen. Der kam aber damals noch ganz zivil im Rahmen einer Exkursion des geologischen Instituts LENING (Leninski Institut Geologija) zu ihnen. Und brachte Schokolade, wie Irina berichtet. Das war auch das erste Mal, dass sie Schokolade gegessen habe.

Kaum sieben Jahre später sind dann auf einmal wieder Deutsche da, doch diesmal ist es im Krieg. Trotzdem sind es erst einmal die Mulis, die dem Mädchen Irina als bisher unbekannte Tiere auffallen. Aber auch die ständige Angst, die beschwörenden Worte der Mutter, sich ruhig zu verhalten, während die Deutschen ins Dorf einmarschieren.  Die Deutschen schießen und zerstören die Brücke, die den Zugang bildet. Doch aus dem darauffolgenden halben Jahr bleiben sehr unterschiedliche Eindrücke und Erinnerungen bei Irina zurück: Da ist die Geschichte ihrer Zahnschmerzen, die sie nachts jammern lassen, auch wenn die Mutter mahnt, nicht so laut zu sein. Plötzlich klopft es an der Tür, ein deutscher Soldat fragt, was mit dem Kind los sei. Man versucht, es ihm mit Mimik und Gestik zu beschreiben, er dreht sich um und geht. Kurz darauf klopft es wieder – der Deutsche steht da und hat in den Händen Tabletten und eine Tafel Schokolade.

Es gab eben schon immer gute und auch schlechte Menschen, sagt Irina. Auch die schlechten Erfahrungen hat sie in Erinnerung, z.B. den  letzten Besuch des fröhlichen, jungen russischen Mannes, der ihrer Mutter etwas zum Nähen brachte und der ein paar Tage später mit vielen anderen Russen erschossen wurde.

Aber dann auch wieder die Geschichte des Deutschen, der ihnen das Leben rettet, indem er sie warnt und sie auffordert, sich schnell zu verstecken, ihnen sogar sagt wo, damit sie einen geplanten Angriff überleben können.

Als endlich der Krieg vorbei war, dauerte es gar nicht so lang, bis wieder ein Deutscher vor ihrer Tür stand: 1956 als die ersten Touristen zum Bergsteigen kommen, bittet sie dieser, ihn in die Berge bei Dombai zu führen, denn hier sei er als Soldat gewesen. Ob er hinauf zu den Grabstätten gegangen ist, kann Irina nicht sagen, aber sehr sicher weiß sie, dass die Birken-Kreuze auf dem links vom Fluss gelegenen Friedhof noch bis weit in die 70-iger Jahre zu sehen waren. Den anderen Friedhof kennt sie leider nicht – vielleicht, weil er sich abseits der Wege und der touristischen Route zum See befindet.

„Ich hoffe, ich konnte euch helfen“ sagt Irina Pawlowna zum Abschied und nimmt mich in die Arme. Kein schlechtes Wort, kein Groll, nur ehrliche Anteilnahme ist mir von ihrer Seite entgegengekommen. Von allen Seiten haben wir das so erlebt. 

Und so bringt uns die Reise, trotz der noch vergeblichen Suche nach den Gebeinen, doch einen Schritt näher zu den hier gefallenen Soldaten. Aber auch zu den Lebenden ist eine Nähe entstanden und untereinander ein Gespräch. Noch wissen wir nicht alles, haben wir vielleicht noch nicht alles verstanden. Aber das Verständnis, das wir erlebt und gewonnen haben, ist ein wichtiges Kapital für eine friedliche Zukunft – und ein Antrieb, unsere Arbeit fortzusetzen.

Daniela Schily

Alle Fotos: Uwe Zucchi