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Volksbund gedenkt des jüdischen Vorstandsmitglieds Hermine Lesser
Am 7. Oktober wurde für sie in der Marburger Straße in Berlin ein Stolperstein verlegt.
08. Oktober 2020

„Wir sind spät dran mit unserem Gedenken für Hermine Lesser.“ Mit dieser kritischen Erkenntnis begrüßte Wolfgang Wieland, Vizepräsident des Volksbundes die knapp 40Gäste der Stolperstein-Verlegung. „Wir mussten hundert Jahre alt werden. Denn der Volksbund war nicht immer die Friedensinitiative, die er heute ist. In der Monografie zur hundertjährigen Geschichte des Verbandes wurde recherchiert, dass er in der Zeit des Nationalsozialismus von Opportunismus geprägt war, von Begeisterung für Opferkult und Heldenverehrung. Jüdische, sozialdemokratische und auch republikanische Mitglieder wurden damals aus dem Vorstand des Volksbundes entfernt.“ Dieses Schicksal ereilte auch Hermine Lesser.

Die Ehrung rettete sie nicht vor der Verfolgung

Dr. Bernd Ulrich, der an der Verbandsgeschichte forschte, gab Einblicke in ihre Biografie: Hermine Lesser, geborene Philipp wuchs in einer gut situierten jüdischen Kaufmannsfamilie mit zwei Schwestern auf, sie genossen eine gute Schulbildung. Als verheiratete Frau engagierte sie sich in der Wohlfahrtspflege und in der Frauenbewegung.

Zehn Jahre lang, von 1923 bis 1933 vertrat Hermine Lesser die Interessen des jüdischen Frauenbunds im Vorstand des Volksbundes.

Der Volksbund war in der Weimarer Republik eine breit getragene Initiative, die von ganz unterschiedliche Gesellschaftsgruppen unterstützt wurde. Viele jüdische Verbände hatten im Ersten Weltkrieg sowohl für den Kriegsdienst wie auch für karitative Notdienste mobilisiert – die antisemitischen Kampagnen, die den Einsatz der jüdischen Frontkämpfer diskreditierten, trafen umso härter. Die Erinnerung an die Kriegstoten und die Fürsorge für die Hinterbliebenen waren somit auch eine wichtige Form der Anerkennung und gesellschaftlicher Teilhabe.

Im September 1931 wurde Hermine Lesser vom Bezirk Charlottenburg für ihr dreißigjähriges Engagement als Waisenpflegerin ausgezeichnet. Doch auch das schützte sie nicht vor der Diskriminierung und Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Trotz aller Schikanen engagierte sie sich weiter in der Nothilfe für verfolgte Juden.

„… um mich sorgt euch nicht…“

Im Dezember 1933 wurde sie – wie andere Verbands- und Behördenvertreter auch – hinterrücks aus dem Vorstand des Volksbundes gedrängt. 1938 schloss der Volksbund dann entsprechend der Nürnberger Gesetze seine jüdischen Mitglieder aus.

Beide Töchter von Hermine Lesser flüchteten, eine nach Frankreich, die andere nach Argentinien, ihr Sohn wanderte 1934 nach Palästina aus. Hermine Lesser blieb alleine in Berlin zurück. Im September 1942 wurde sie mit 1.013 anderen jüdischen Berlinern, dem zweiten, sogenannten „Altentransport“ in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Anastassia Pletoukhina von der Jewish Agency Berlin gab Hermine Lessers Leid, aber auch ihrer beeindruckenden Standfestigkeit eine Stimme, als sie Auszüge aus ihren Briefen las: „… es kommen hier alle ran und jetzt sind die Alten an der Reihe, und da heißt es nur parieren. Ich nehme die Tatsachen, wie sie sind, da es nichts zu ändern gibt… Um mich sorgt euch nicht, ich will und ich werde durchhalten, die Welt wird sich wandeln und bessere Zeiten bringen….“ Doch Hermine Lesser durfte sie nicht mehr erleben. Sie starb in Theresienstadt im Jahr 1943, vorgeblich an einer Lungenentzündung.

In Berlin liegen über 8.700 Stolpersteine

Monika Falkenhagen von der Stolperstein-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf erinnerte daran, dass in 46 Ländern der Welt Stolpersteine verlegt sind, ein Gedenken an die, die keine Gräber haben. Allein in Berlin wurden über 8.700 Stolpersteine verlegt. Falkenhagen rief zu einem ‚eigenen kleinen Gedenken‘ auf, in dem man am 9. November oder am 27. Januar Stolpersteine putzen könne: Und sie warnte mit Blick auf den Mordversuch an einem jüdischen Studenten am vergangenen Sonntag vor dem aktuellen Antisemitismus mit den Worten: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch. Sehr fruchtbar…“ 

Der Stolperstein für Hermine Lesser in der Marburger Straße 5 wurde von jungen Mitarbeitern des Lehrbauhofes Berlin verlegt. Die Andacht hielt Rabbiner Prof. Dr. Andreas Nachama: „Wir trauern um Humor, um Wissen, und Weisheit. Wir gedenken den nichtjüdischen Menschen, die den Mut haben, sich all dem entgegenzustellen…“  Abschließend sprach er das jüdische Totengebet: El Male Rachamim.

Biografien in der Bildungsarbeit

Matteo Schürenberg, Referent für Erinnerungskultur im Volksbund dankte den Teilnehmerinnen und Teilnehmern und versprach, dass das Gedenken weitergetragen werde. So werde der Volksbund in seiner Bildungsarbeit die Biografie von Hermine Lesser aufgreifen. Der Volksbund pflegt auch Gedenkorte für Schoah-Opfer und engagiert sich wie im Riga-Komitee für eine aktive Bildungsarbeit gegen Antisemitismus. In dem Bündnis wird an Juden erinnert, die nach Riga deportiert und meist umgebracht wurden. Im nächsten Jahr wird der Volksbund einem weiteren ehemaligen Vorstandsmitglied, der Gewerkschafterin und preußischen Landtagsabgeordneten Gertrud Hanna mit der Verlegung eines Stolpersteines in Berlin-Spandau gedenken.

Diane Tempel-Bornett
Pressesprecherin
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