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Das Land, wo Blut und Honig fließen

Kriege, Besatzer, Versöhnung – auf Spurensuche im Balkan

Der Balkan das hat das kleine Volksbund-Team bei seiner ersten Station im Kosovo gelernt hat seinen Namen vom türkischen bal (Honig) und kan (Blut). Wie sehr sich diese Mischung durch die Jahrhunderte und die Konflikte der Völker zieht, zeigt sich eindrucksvoll auf unser 2.000 Kilometer langen Reise durch vier Länder. Eine Reise durch die Rindenschichten der Geschichte Südosteuropas.

Offiziell bedeutet balkan „steile und bewaldete Bergkette“, aber schöner ist die Anekdote, wie sie der Pathologe von Pristina, Dr. Arsim Gerxhaliu erzählt. Sein Ratschlag für unsere Reise durch den jungen Staat Kosovo, Nordmazedonien (bis 2018: FYROM, Former Yugoslav Republic Of Macedonia), durch Serbien und schließlich Kroatien: Stets die Augen offenhalten, es gibt unendlich viel zu entdecken.

Fünf Tage später stehen wir erschöpft auf dem Friedhof Gornje Vrapče, hoch über der kroatischen Hauptstadt Zagreb, und müssen „Dr. Arsim“, wie sie alle auf dem Balkan den Pathologen von Pristina nennen, Recht geben: Zwei Weltkriege, die Besetzung durch Osmanen, Türken und der schreckliche Bürgerkrieg in den 1990er Jahren haben unübersehbare Spuren hinterlassen.
 

Die Ruhestätte der Kriegsgefangenen

Ein schlichtes graues Kreuz markiert die deutsche Abteilung auf dem Kommunalfriedhof Vrapče, auf dem 675 deutsche Kriegsgefangene ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Der Blick reicht weit in die Täter des Umlandes von Zagreb, eine Bank belohnt alle, die den steilen Anstieg bis zum Hochkreuz bei tropischen Temperaturen  bewältigt haben.
 

Nächste Einbettung in Mirogoj

Zuvor hat das Volksbund-Team schon die deutsche Kriegsgräberstätte auf Zagrebs sehenswerten Mirogoj-Friedhof mit seinen weitläufigen Parkanlagen und den Gräbern vieler bekannter Kroaten besichtigt – unter ihnen der erste frei gewählte Präsident, Franjo Tuđman (1922-1999). Hinter einem Monument, welches an die Tragödie im österreichischen Bleiburg erinnert, bei der 1945 unter anderem mehr als 45.000 Kroaten ermordet wurden, liegt die deutsche Kriegsgräberstätte.

Hier ruhen mehr als 4.000 im Zweiten Weltkrieg gefallene Angehörige der Wehrmacht, schon im den nächsten Tagen sollen weitere Tote zugebettet werden. Thomas Schock, der als Leiter des Umbettungsdienstes im Auftrag des Volksbundes die Anlage inspiziert, ist mit dem Pflegezustand zufrieden. Nur einige alte Kränze räumt er weg und notiert, dass das Namenbuch fehlt.
 

Auf den Banovo-Hügeln

Ein ganz anderes Bild ergibt sich im Nachbarstaat Serbien. Hoch über der Millionenstadt Belgrad am Zusammenfluss von Donau und Save erstreckt sich der riesige Kosutjnak-Park, ein Paradies für Familien, Jogger und Hunde. Die deutsche Kriegsgräberstätte Banovo Brdo ist nur noch mit Mühe zu finden.

Drei einzelne Steine mit Kreuzen stehen zwischen wilden Büschen, das einst weiße Mahnmal mit dem Sarkophag für die Gefallenen des Preußischen Reserve-Infanterieregiments 208 zerbröselt und wird von rostigen Eisenstangen nur mühsam zusammengehalten. Auf einem verwitterten Stein lässt sich die Inschrift „Hier ruhen serbische Helden“ entziffern.

2.000 deutsche Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg liegen hier im Südwesten Belgrads, außerdem 2.000 Soldaten des Ersten Weltkrieges. Eine Pyramide soll an die Gefallenen des XXII. Reservekorps erinnern, doch sie ist mittlerweile auf einem umzäunten Grundstück. Thomas Schock, der mehrfach im Kosutjnak-Park war, ist ratlos. Ein großer Teil des Areals wurde mit Schulgebäuden bebaut, ein überdimensionales Eichhörnchen weist den Weg zum „Restoran Kamp Kosutnjak“. Erholung geht hier vor Gedenken.

 

Wo der Kaiser ruhte

Und dann ist da noch die Mackensen-Bank. Die halbmondartige Betonbank am Rande des Waldfriedhofes soll an Generalfeldmarschall August von Mackensen (+ November 1945) erinnern, der hier auf den Brano-Höhen den Feldzug gegen Serbien gewann. 1916 wurde die Bank für den Besuch von Kaiser Wilhelm errichtet.

Seine Majestät soll einen wunderbaren Ausblick auf die Save gehabt haben, den damaligen Grenzfluss zwischen dem Königreich Serbien und dem österreichischen Kaiser- und Königreich. Heute ist die Bank bröckelig und steht vor einem großen Zaun, von Ausblick kann keine Rede mehr sein und wer sie besuchen will, muss sorgfältig auf die „Tretminen“ achten, die die Hunde vom Brano-Park hinterlassen haben.

Die Flagge auf dem Wasserturm Vukovar

Die Spuren eines jüngeren Krieges sehen wir in Vukovar, der kroatischen Grenzstadt zu Serbien am Donauufer. Hoch ragt hier der Wasserturm von Vukovar auf. Das 50 Meter hohe Bauwerk war ein Lieblingsziel der serbischen Artillerie im blutigen Bürgerkrieg der 1990er Jahre, als der Krieg nach Europa zurückkehrte.

640 Geschosse haben den Turm getroffen, gefallen ist er nie. Im Gegenteil: Nacht für Nacht hissten zwei Soldaten die kroatische Flagge, tagsüber versuchten die Serben, das verhasste Symbol abzuschießen. Heute erinnert ein modernes, sehr gut gemachtes Museum im Turm an die schrecklichen Szenen zwischen dem 14. September und dem 20. November 1991, als der Kapitulation der Verteidiger serbische Massaker folgten.

1.400 Menschen starben in der Donaustadt, mehr als 4.000 wurden verletzt. Die serbische Seite hält sich auch heute noch mit Angaben zu eigenen Opferzahlen zurück, ebenso fehlen nach 30 Jahren Hinweise auf die rund 1.500 Vermissten des Krieges rund um Vukovar.
 

Ein Krieg voller Bruderhass

Dass die Zahl der Vermissten vierstellig ist, wird bei der Besichtigung des nahen Memorialfriedhofes von Vukovar deutlich. Hier gibt es ein Novum zu sehen: leere Gräber. Sie werden für jene freigehalten, die heute noch in den Wäldern links und rechts der Donau liegen. 938 Opfer konnten bisher identifiziert werden, sie haben einen doppelten Ruheplatz gefunden.

Auf der einen Seite reihen sich ihre mit Blumen, Lichtern und Engeln geschmückten Gräber mit Namenangaben. Schwarzer Stein für Soldaten, grauer Stein für Zivilisten. Alle 1991 gestorben in einem Krieg voller Bruderhass. Auf der anderen Seite eines großen, blauen Luftkreuzes, in dem eine ewige Flamme brennt, stehen 938 weiße Kreuze militärisch Reihe an Reihe. Es ist der symbolische Teil dieses Friedhofes. Am 18. November werden hier Politiker und Angehörige 30 Jahre nach den Kämpfen ihrer Toten gedenken.

Die Massaker von Kragujevac

Krieg und Blutvergießen durchziehen auf dem Balkan die Jahrhunderte, das zeigt uns der Besuch im südserbischen Kragujevac. Im Šumarice-Gedenkpark (Oktober-Gedenkpark) reihen sich die Monumente und erinnern an fürchterliche Szenen des Zweiten Weltkrieges.

Angehörige der 717. Infanterie-Division erschossen als Vergeltung für einen Hinterhalt, in den eine deutsche Kompanie geraten war, 2.300 Bürger der Stadt – darunter 300 Schülerinnen und Schüler. In der benachbarten Stadt Kraljevo kamen 1.700 Einwohner bei einer Vergeltungsaktion der Deutschen ums Leben. Bis heute ist Kragujevac eine düstere Stadt, in der sich die Denkmale und Monumente gruppieren.

Am Ende führt die detektivische Spurensuche in den Tiefen eines Kiefernwaldes zu einem alten österreichisch-ungarischen Friedhof. Ein weißer Löwe wacht über den k.u.k.-Gräbern, die kaum mehr sichtbar sind. Daneben finden sich Steine serbischer Soldaten, die hier ruhen, die Statue einer finster dreinblickenden Frau mit mächtigem Schwert bewacht die serbische Seite. Von deutschen Gräbern ist nichts mehr zu sehen.

Skopje: Orient-Armee im Ersten Weltkrieg

Aber auch Franzosen kämpften auf dem Balkan. In Skopje, der Hauptstadt Nordmazedoniens, erinnert ein sehr gepflegter französischer Friedhof neben der U.S.-Botschaft an die Orient-Armee der Franzosen im Ersten Weltkrieg, in der Soldaten aus dem Senegal und Marokkos gegen Bulgaren kämpfen. Die Details der Schlachten führen tief in die Geschichten eines Landstrichs, durch den neben Honig auch Ströme von Blut geflossen sind.

Harald John Abteilungsleiter Öffentlichkeitsarbeit

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