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Gedenken in der Russischen Föderation zum Tag des Sieges
TV-Sender Zvezda interviewt Generalsekretärin Daniela Schily
24. Juni 2020

Am 9. Mai finden in der Russischen Föderation üblicherweise Feierlichkeiten statt, die an den „Tag des Sieges“, den Jahrestag der Kapitulation der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg, erinnern. Die Art und Weise, wie dieser Feiertag begangen wurde, hat sich über die Jahrzehnte stark gewandelt. In den ersten Nachkriegsjahren gab es zwar offizielle Veranstaltungen, im Vordergrund stand aber das gemeinsame Gedenken von Familien und Veteranen. Unter Leonid Brezhnev wurde der 9. Mai seit 1965 zu einem der wichtigsten offiziellen sowjetischen Feiertage aufgewertet. In diesem Jahr fand auch zum ersten Mal seit 1945 wieder eine Militärparade auf dem Roten Platz statt. Zwei weitere solche Paraden gab es noch bis zum Ende der Sowjetunion: 1985 und 1990. Danach trat diese Form der militärischen Selbstdarstellung zunächst zurück. Zum 50. Jahrestag fand 1995 erstmals wieder eine Militärparade in Moskau statt, wie seitdem in jedem Jahr.

Die Pandemie machte die Suche nach einem neuen Termin notwendig

Auch in diesem Jahr war anlässlich des 75. Jahrestages des Kriegsendes eine große Militärparade geplant. Wegen des Ausbruchs von Covid-19 musste sie jedoch verschoben werden. Ursprünglich war der 3. September als neues Datum gewählt worden, weil an diesem Tag 1945 die Kapitulation Japans einen Tag zuvor gefeiert wurde, die das Ende des Krieges weltweit bedeutete. Das Datum war umstritten. Kritiker meinten, man hätte eher den Jahrestag der Kapitulation selbst am 2. September wählen müssen, auch, um eine Konkurrenz zum Gedenken an die Opfer der blutigen Geiselnahme von Beslan am 3. September zu vermeiden.

Nun wurde das Ereignis ein weiteres Mal verschoben, und zwar auf den 24. Juni. An diesem Tag hatte 1945, wenige Wochen nach der Kapitulation der Deutschen, die erste Siegesparade in Moskau stattgefunden. Obwohl die historische Herleitung stimmig ist, gibt es auch an dieser Verschiebung Kritik. Die Infektionszahlen in der russischen Hauptstadt sind weiterhin sehr hoch, so dass Massenveranstaltungen als gefährlich erscheinen. Es wird gemutmaßt, dass man die Feierlichkeiten nutzen wolle, um die Bevölkerung positiv auf das am 1. Juli anstehende Verfassungsreferendum einzustimmen. Denn natürlich wird es neben der Parade auch Volkfeste geben.

Eine interaktive Personendatenbank soll Gedenken für alle ermöglichen

Die Parade ist nur eins von vielen Großprojekten, die staatlicherseits dieses Jahr durchgeführt werden. Bereits im letzten Jahr hat die Regierung ein weltweites Projekt ins Leben gerufen, im Rahmen dessen Erde von Kriegsgräberstätten, auf denen sowjetische Soldaten ruhen, entnommen und in den Freizeitpark „Patriot“ gebracht wurde, der vom Verteidigungsministerium der Russischen Föderation betrieben wird. Auf dem Gelände dieses Parks wurde am 14. Juni die Hauptkirche der Streitkräfte der Russischen Föderation eröffnet. Ebenfalls dort ist der „Weg der Erinnerung“ im Bau. Das interaktive Projekt besteht aus einer langen Namens- und Bildergalerie von Kriegsteilnehmenden im Park, die beständig ausgeweitet werden soll. Zu diesem Zweck wurde eine riesige Personendatenbank geschaffen. Nachkommen können selbständig Namen und Fotos hochladen, um so zu erreichen, dass auch ihre Verwandten der Galerie erwähnt werden.

Interview mit Volksbund-Generalsekretärin Daniela Schily

Der Fernsehsender „Zvezda“ des Verteidigungsminiseriums der Russischen Föderation hat die Generalsekretärin des Volksbundes Daniela Schily um ein Interview gebeten, um ihre Meinung zu den aktuellen erinnerungspolitischen Großprojekt zu erfahren. Das Gespräch fand auf der Kriegsgräberstätte in Kassel Bettenhausen statt, auf der es viele Gräberfelder für ausländische Opfer des Zweiten Weltkriegs gibt, unter anderem auch sowjetische. Frau Schily erklärte, in ihren Augen sei die Sammlung von Erde eine schöne, würdige Geste, in der vor allem auch die symbolische Bedeutung von Erde als Ruhestätte zum Ausdruck komme. Der Präsident des Volksbundes Wolfgang Schneiderhan habe sich nach seiner Teilnahme an der Zeremonie am sowjetischen Ehrenmal im Tiergarten Dezember, auf der Erde entnommen wurde, ebenfalls beeindruckt gezeigt.

Die Schaffung einer Personendatenbank von so riesigen Ausmaßen wie der, die für das Projekt „Weg der Erinnerung“ benötigt werde, sieht die Generalsekretärin als Mammutprojekt auf dem Gebiet digitaler Erinnerungskultur. Der Volksbund führt gemeinsam mit dem russischen Verteidigungsministerium derzeit selbst ein umfangreiches Recherche- und Datenbankprojekt unter dem Titel „Sowjetische und deutsche Kriegsgefangene und Internierte“ durch. Aus dieser Erfahrung heraus könne man den Aufwand ermessen und wertschätzen, der hinter diesem Projekt stehe.

Text: Dr. Heike Winkel (Kontakt)
Fotos: Simone Schmid