Nachricht
Nur ein Foto in der Hand
Kriegsgräbersuche endet nach 28 Jahren
25. Februar 2020

Die Suche nach dem Grab des Vaters hatte unter höchst widrigen Umständen begonnen. Dass sie 2019 – nach 28 Jahren - im russischen Rshew erfolgreich endete, war der Hartnäckigkeit von Kurt Steffens aus Vechelde bei Peine zu verdanken. Dort bettete der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge 91 Kriegstote auf der Kriegsgräberstätte ein.

1991, noch zu Zeiten der Sowjetunion, hatte Kurt Steffens mit der Suche begonnen. Rund 2200 Kilometer sind es bis Rshew, das etwa 200 Kilometer westlich von Moskau liegt. Kurt Steffens legte sie zusammen mit seiner Frau Elke wieder und wieder mit dem Auto zurück, wartete teils bis zu acht Stunden bei Grenzkontrollen, knüpfte Kontakte, recherchierte.

14 Fahrten nach Russland

Dabei arbeitete er mit dem Volksbund in Kassel und Moskau zusammen, beschaffte Luftaufnahmen, Militärkarten und Grabfotos, befragte Zeitzeugen, bat russische Freunde und Bekannte um Hilfe. Insgesamt führte die Suche ihn 14 Mal nach Russland.

Viel hatte er anfangs nicht in der Hand – und wenig Hoffnung, das Grab seines Vaters zu finden, den er nie gesehen hatte. Emil Steffens hatte im Oktober 1941 als Soldat bei Twer gekämpft – beim Vormarsch auf Moskau, der bei Wintereinbruch steckenblieb. Er fiel am 25. Oktober 1941 im russischen Dorf Talutino, zwei Monate nach der Geburt seines Sohnes. Seine Kameraden begruben den 31-Jährigen und schickten der Witwe ein Foto der Grabstelle. 

Durchbruch gelang 2018

Doch das Dorf wurde während des Krieges komplett zerstört, was die Suche deutlich erschwerte. Der Durchbruch gelang 2018, als sich nach weiteren Recherchen eine Stelle links der Straße Rshew-Twer lokalisieren ließ, wo der Vater begraben sein könnte.

Wieder waren Kurt Steffens und seine Frau vor Ort, als eine russische Suchgruppe mit Eisenstangen, Metalldetektoren und Spaten die Arbeit aufnahm und die Gebeine von 91 Gefallenen fand. Die Erkennungsmarke von Emil Steffens war nicht dabei, aber der Sohn ist ganz sicher, dass sein Vater gefunden ist.

Bei der Einbettung dabei sein

Mehr als ein Jahr später legte das Ehepaar noch einmal den weiten Weg zurück – um bei der Einbettung auf der Kriegsgräberstätte in Rshew dabei zu sein. Nach russischem Brauch legten sie rote Nelken auf die Särge. „Die Gefühle und Gedanken, die uns in dem Moment bewegt haben, kann man kaum beschreiben“, sagte der heute 78-Jährige.

Er möchte andere, die noch Angehörige vermissen, dazu ermuntern, den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge mit eigenem Engagement zu unterstützen: „Man kann selbst aktiv viel beitragen und gleichzeitig auch Schicksale anderer Gefallenen aufklären.“

Das Schicksal der anderen

Das tat das Ehepaar über den Volksbund auch für andere Familien. „Viele wussten nicht, dass inzwischen Bergungen und Umbettungen stattfanden“, so Kurt Steffens. Im Namen anderer besuchten sie weit entfernt liegende Kriegsgräberstätten in Polen, Weißrussland und Russland und legten dort Blumen nieder. In Weißrussland gaben sie wiederholt Hilfspakete ab.

Was die Gefallen von Talutino betrifft, so steht eins außer Frage: „Insgesamt war die Suchaktion ein großer Erfolg und in erster Linie auch Ihrer Ausdauer und Hartnäckigkeit geschuldet“, schrieb der damalige Leiter des Umbettungsdienstes in Moskau, Peter Lindau, nach Vechelde. Maßgeblich beteiligt war auch Suchbrigadenleiter Alexander Chalimantschuk aus Rshew.

Die Suche geht weiter

Mehr als 4,8 Millionen Einträge umfasst die Datenbank des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge. In den nächsten Jahren werden noch rund 500.000 weitere Namen aufgenommen. Immer wieder kommt es vor, dass Schicksale geklärt werden, der Volksbund aber mangels Kontaktdaten die Angehörigen nicht informieren kann.

Darum empfiehlt der Volksbund bei ungeklärten Schicksalen den Angehörigen, die Gräbersuche online zu nutzen oder - falls der Name dort nicht zu finden ist - ein Suchformular auszufüllen. Dankbar ist der 100 Jahre alte Verein für jede Spende und jede neue Mitgliedschaft, um diese Arbeit mit Erfolg fortzuführen.

Hochzeitsfoto von Anni und Emil Steffens aus dem Jahr 1937. Beide stammten aus Wischhafen im Landkreis Stade. "Meine Mutter hat nicht wieder geheiratet. Sie wurde 95 Jahre alt und hat den Tod meines Vaters nie überwunden", sagt Kurt Steffens.

Emil Steffens starb mit 31 Jahren in Talutino, einem Dorf, rund 200 Kilometer westlich von Moskau gelegen.

Christiane Deuse
Redakteurin
+49 (0) 561-7009-281