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Orte des Friedens, Orte der Begegnung
Berlin/Heidelberg: Jugendliche arbeiten auf Friedhof
16. August 2018
  • Jugend

In den Workcamps des Volksbundes geht es nur vordergründig um die Pflege der Kriegsgräber. Viel wichtiger ist es, bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus vielen Ländern Europas das Bewusstsein für die konkreten Folgen von Krieg und Gewaltherrschaft zu schärfen. Dies geschieht aktuell in mehreren Workcamps des Volksbundes – wie zum Beispiel in Berlin und Heidelberg.

Internationales Workcamp Berlin

„100 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges sind Kriegsgräberstätten Orte der Mahnung, der Bildung und der Begegnung", sagt Sophie Rothe, Sprecherin des Volksbund-Jugendarbeitskreises (JAK) Berlin. Damit bezieht sie sich auf die positiven Erfahrungen des internationalen Workcamps in Berlin, das morgen seinen Abschluss findet.

Zuvor versammelten sich all die jungen Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern zu einer gemeinsamen Gedenkstunde. Sie erinnerten am 15. August auf der Kriegsgräberstätte des Spandauer Friedhofes „In den Kisseln“ an all die Opfer aus zwei Weltkriegen. Das gemeinsame Gedenken bildete so den förmlichen und zugleich ergreifenden Abschluss des internationalen Workcamps vom 2. bis 17. August mit 30 jungen Menschen aus 11 Ländern in Berlin.

Ferien auf dem Friedhof?

„Unsere Hoffnung liegt in der Versöhnung der Völker und in der Welt“. So lautete das Fazit der Jugendbegegnung, das vor dem Denkmal an die Gefallenen des Ersten Weltkrieges formuliert wurde. Gäste aus dem Diplomatischen Chor, der Berliner Senatsverwaltung und des Bezirksparlamentes Spandau sowie der Vizepräsident des Volksbundes,  Wolfgang Wieland, begleiteten die Zeremonie. Die Vorsteherin der Bezirksverordnetenversammlung Spandau, Gaby Schiller, dankte den Jugendlichen dafür, dass sie ihre Ferien dafür genutzt haben, Gräber auf dem Spandauer Friedhof zu pflegen.

In bester Tradition des Volksbundes betonten die jungen Erwachsenen in ihren Redebeiträgen dabei, dass ihr Gedenken alle Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft einbezieht. Kriegsgräberstätten sind Gedenkstätten und Orte des Friedens. Diesen Gedanken sowie viele, neu geknüpfte Kontakte neben die jungen Europäer nun wieder mit in ihre Heimatländer. Zugleich hoffen viele auf mehr: Denn wie die Erfahrung zeigt, kommen viele Teilnehmende der Volksbund-Workcamps immer wieder, um alte und neue Freunde zu treffen – und damit ihren Teil zu einem friedlichen Zusammenleben in Europa beizutragen.

Dr. Heike Dörrenbächer und Pawel Prokop

Volksbund-Workcamp in Heidelberg

Auch in Heidelberg pflegen aktuell Jugendliche aus zwölf Nationen in einem Volksbund Workcamp  Kriegsgräber aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. Doch warum machen sie das eigentlich? Was ist das Besondere an den Workcamps? Diane Tempel-Bornett hat einige von ihnen gefragt:

Zuzanna, 25, aus Polen, hat Germanistik studiert. Das Camp in Heidelberg ist ihr zweites Volksbund-Workcamp. Sie mag vor allem die vielen Leute, das abwechslungsreiche Programm und die Chance Urlaub mit Ehrenamt zu verbinden, aber auch, dass man so kann man Geschichte anders und nicht nur aus Büchern lernen kann. Ihr Geschichtslehrer fragte sie aber, warum sie das macht.

Zuzanna: Ich habe ihm erklärt, dass ich deutsche Freunde habe und das auch für sie mache. Außerdem gibt es auch viele polnische Gräber. Ich habe heute ein Grab gefunden, das hat mich sehr berührt. Sie zieht einen kleinen Zettel aus der Hosentasche und liest vor: „In diesem Grab liegen 177 Tote – aus der Sowjetunion, aus Polen und aus Jugoslawien“. Sie sind im Krieg gestorben und nun sind sie gemeinsam begraben. Das zeigt doch ganz deutlich, wie wichtig es ist, mit Menschen aus anderen Nationen zu reden.

Kristian, 17 aus Bulgarien erzählt: Das ist mein erstes Camp. Mein Deutschlehrer hat mir das empfohlen, um meine deutschen Sprachkenntnisse zu verbessern. Meine Mutter fand, dass das eine gute Idee ist – Deutsch zu lernen und etwas für den Frieden zu tun. Mir macht es Spaß, Leute aus so vielen Ländern kennenzulernen, mit ihnen zu reden und zu spielen. Außerdem ist es sehr günstig. Neben Deutsch lerne ich hier ein bisschen italienisch und russisch. Meine Freunde zuhause haben mich gefragt: Warum gehst du denn nach Deutschland, Gräber putzen? Ich habe ihnen gesagt, dass wir viel mehr machen als das. Wir haben auch Heidelberg angeschaut, das hat mir sehr gut gefallen. Ich will unbedingt wiederkommen und am liebsten hier studieren.

 

Anna, 22 aus Mainz studiert Geschichte und Kulturanthropologie. Das ist bereits ihr 6. Workcamp.

Anna: „Hier bilden Leute aus ganz verschiedenen Kontexten in kurzer Zeit schon eine Gemeinschaft. Anfangs sind die meisten sehr schüchtern und dann wachsen sie schnell zusammen. Durch die Menschen aus den verschiedenen Ländern, die ich hier kennenlerne, bekomme ich einen anderen Bezug zu einem Land. Wenn ich jetzt „Russland“ höre, denke ich an die russischen Menschen, die ich kennengelernt habe. So habe ich eine emotionale Verbindung zu dem Land.

Anfangs wurde das schon kommentiert, so in der Richtung: ‚Zuhause hilfst du doch auf nicht im Garten‘. Aber die Arbeit auf dem Friedhof hat eher einen symbolischen Charakter. Vielleicht muss man anfangs über die altmodischen Namen lächeln, aber dann schaut man auf das Geburts- und das Todesdatum und erstarrt. Die toten Soldaten sind manchmal noch jünger als man selbst. Und dann kommt man ins Grübeln. Was würde ich machen, wenn jetzt Krieg wäre? Das führt dann zu aktuellen politischen Diskussionen, wie zum Beispiel die Wiedereinführung der Wehrpflicht oder das Gesellschaftsjahr. Einige von den Jungs, die hier sind, haben ihre Wehrpflicht abgeleistet, ohne groß darüber zu diskutieren. Und dadurch, dass hier Leute aus unterschiedlichen Ländern sind, erlebt man einfach auch mal eine andere Perspektive. Das hat mir in der Vergangenheit schon viel geholfen.

 

Gözde, 20 aus der Türkei  nimmt zum 4. Mal an einem Volksbund Workcamp teil. Warum und was ist das Besondere für sie?

Gözde: Ich mag die Camps, weil ich hier Menschen aus vielen verschiedenen Ländern treffe. Ich kann es mir nicht leisten, so viel zu reisen, aber hier sind Menschen aus verschiedenen Kulturen, die unterschiedliche Sprachen sprechen – und alle haben ein gemeinsames Ziel.

Meine Familie und Freunde in der Türkei waren über die Arbeit auf den Kriegsgräberstätten erst erstaunlich, weil wir in der Türkei eine ganz andere Bestattungskultur haben. Aber ich erkläre dann, dass es ein gesellschaftliches und soziales Projekt ist. Klar, man trainiert seine sozialen Kompetenzen. Was mir aber auch wichtig ist – ich sehe mich als Botschafterin für mein Land. Die meisten wissen nur wenig von der Türkei und haben ziemlich viele Vorurteile. Wenn sie mich kennenlernen und mein Tattoo sehen und erfahren, dass ich aus der Türkei komme, sind sie erstaunt, weil sie sich Türkinnen anders vorstellen. Und wenn ich ihre Vorbehalte zerstreuen kann, bin ich dankbar und froh.

Diane Tempel-Bornett