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Schrecklicher Verrat und Zeichen, die Mut machen
Ein Blick auf jüdische Soldaten im Ersten Weltkrieg zum Jahrestag der Reichspogromnacht
08. November 2020

Zerstörung und Brutalität bis hin zum hundertfachen Mord prägten die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Die Opfer: jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger im ganzen Land. Synagogen gingen in Flammen auf, Geschäfte wurden geplündert. Am Tag danach wurden Tausende in Konzentrationslager verschleppt. Zum Jahrestag der Reichspogromnacht erinnert Wolfgang Schneiderhan, Volksbund-Präsident und ehemaliger Generalinspekteur der Bundeswehr, an jüdische Soldaten, die im Ersten Weltkrieg für das Deutsche Reich gekämpft hatten – und an den Verrat an ihnen.

„Mein Herz gab ich dem Vaterland“  eine Ausstellung mit diesem Namen durfte ich vor sechs Jahren im Jüdischen Betsaal in Horb in Baden-Württemberg eröffnen. Der Verein „Ehemalige Synagoge Rexingen“ hatte in mühevoller Kleinarbeit das Schicksal jüdischer Soldaten im Ersten Weltkrieg aufgearbeitet. Bis heute ist dieses zutiefst beschämende Kapitel deutscher Militärgeschichte aber zumeist ein Randthema geblieben.

Wer weiß schon etwas über die „Judenzählung“ in der Armee vom 1. November 1916, deren Veranlassung nie in wissenschaftlichem Interesse zu suchen war, sondern schon damals ausschließlich im ausgeprägten Rassismus und Antisemitismus? Misstrauen und haltlose Anschuldigungen waren der erste Nährboden für das Ausarten von späterem Hass und unvorstellbarer Gewalt.

Dennoch stimmen mich einige Entwicklungen hoffnungsvoll:
Wenn jetzt, am 9. November 2020, in Gedenken an die Reichspogromnacht 1938 deutsche Soldaten der Offizierschule des Heeres in Zusammenarbeit mit unserem Landesverband Sachsen auf einem jüdischen Friedhof der Opfer von damals gedenken,
wenn alljährlich zum Volkstrauertag auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee am Ehrenmal für die gefallenen jüdischen Soldaten des Ersten Weltkrieges durch das Verteidigungsministerium (und natürlich den Volksbund) Kränze niedergelegt werden
und wenn im kommenden Jahr die ersten Militärrabbiner auf den Spuren des großen Leo Baeck nach mehr als 100 Jahren Pause wieder ihren Dienst in der Militärseelsorge antreten,

dann sehe ich die richtigen Signale, denn es geht hier um nichts anderes als späte Anerkennung und Rehabilitation. Das Thema mag uns schwer fallen, weil wir uns dem Dilemma stellen müssen, einerseits die Hingabe so vieler jüdischer junger Männer für Deutschland zu würdigen und andererseits diesen Patriotismus im Lichte des damaligen übersteigerten Nationalismus kritisch zu betrachten.

Wenn wir aber zulassen, dass die Menschen damals sicher anders gedacht haben als wir heute, dann sollten wir nicht in erster Linie die Kritik am damaligen Militarismus insgesamt in den Vordergrund stellen, sondern unsere Verachtung für den Verrat an den jüdischen Mitbürgern unserer Gesellschaft und an ihrem Bekenntnis zum Heimatland, für das auch sie am Ende die Waffe in die Hand genommen haben.

Ehrliches Versprechen für Minderheiten in der Bundeswehr

Die verdeckte und doch stets präsente Benachteiligung der jüdischen Soldaten im Kaiserreich und in der Reichswehr nach 1918 bis hin zur brutalen Ermordung in den Konzentrationslagern bis 1945 enthält viele Stationen dieses schrecklichen Verrats. Darum ist es gut, wenn sich auch heute die Streitkräfte der Bundesrepublik Deutschland diesem Thema stellen.

Denn auch die Bundeswehr hat Minderheiten in ihren Reihen: Soldaten jüdischen Glaubens, aber auch junge Menschen mit Migrationshintergrund aus dem Osten oder auch islamischen Ländern. Das sollte uns alle ermutigen in dem ehrlichen Versprechen, dass wir sie dieses Mal auf keinen Fall verraten. Damit meine ich niemals, denn alles andere ist keine Option. 

Text: Wolfgang Schneiderhan, Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge 

Am Volkstrauertag auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee

Auch in diesem Jahr soll es ein Gedenken auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee geben, natürlich unten den gegebenen Bedingungen der Pandemie. In stillem Gedenken wird Volksbund-Präsident Wolfgang Schneiderhan einen Kranz für den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge am Ehrenmal für die gefallenen jüdischen Soldaten des Ersten Weltkrieges niederlegen. Der Jüdische Friedhof Berlin-Weißensee ist ein 1880 angelegter Begräbnisplatz der Jüdischen Gemeinde. Er ist mit rund 42 Hektar der flächenmäßig größte erhaltene jüdische Friedhof Europas mit fast 116.000 Grabstellen. Seit den 1970er Jahren steht er unter Denkmalschutz.


Erinnerung lebendig halten als Mahnung für die Zukunft ist zentrales Anliegen des Volksbundes. Im Rahmen der Aktion "Vergissmeinnicht" steht zum Volkstrauertag als Symbol dafür ein Stahlkranz mit 1.000 metallenen Blüten in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin. Sie können die Aktion und die Arbeit des Volksbundes mit einer Spende unterstützen – per Überweisung, Bankeinzug oder telefonisch.

Seine Arbeit finanziert der Volksbund als gemeinnütziger Verein vor allem aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden. Mehr Informationen finden Sie unter www.volksbund.de/helfen.