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Das jüngste Opfer wurde nur fünf Tage alt

Friedhof Lilienthalstraße: Biografien standen beim Gedenkspaziergang zum 8. Mai im Mittelpunkt

Es fällt nicht ins Auge, das Mahnmal kurz hinter dem Eingang, das an „unschuldige Kinder und Mütter, Frauen und Mädchen“ erinnert. Aus gutem Grund war es eine der ersten Stationen bei der Gedenkveranstaltung des Volksbundes zum Kriegsende vor 76 Jahren auf dem Standortfriedhof Lilienthalstraße in Berlin – einer der Höhepunkte der Gedenkwoche rund um den 8. Mai.

Der Volksbund rückt 2021 die Kriegstoten in den Fokus, die oftmals vergessen oder in der Erinnerung an den Rand gerückt sind, die Toten der letzten Kriegsphase und der Nachkriegszeit. Auf dem Friedhof Lilienthalstraße sind nahezu alle Opfergruppen zu finden: von Soldaten über Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter, NS-Opfer, Displaced Persons und Bombenopfer bis zu Familien, die Selbstmord begingen. Biografien dieser Menschen standen bei einem Gedenkspaziergang des Volksbund-Präsidenten Wolfgang Schneiderhan im Mittelpunkt.
 

Am Grab Erich Elsners

Erich Elsner war einer von jenen, deren Geschichte Ann-Susann Schanner zusammenfasste – wegen Dauerregens in aller Kürze. Die Bildungsrefentin des Landesverbandes Berlin erzählte von einem Soldaten, der den Krieg verwundet überlebte und 1950 mit 44 Jahren an den Folgen gestorben war.

Sie sprach auch von Emma Margarete Klunker, die zweimal wegen „Rückfalldiebstahls“ inhaftiert, nach Auschwitz deportiert und dort ermordet worden war. „2020 hat der Bundestag beschlossen, dass auch so genannte ‚Asoziale‘ und ‚Berufsverbrecher‘ als NS-Opfer anerkannt werden“, lautete der Hinweis der Referentin. Für Emma Klunker dürfte die Kennzeichnung als „asozial“ und „gemeinschaftsfremd“ das Todesurteil bedeutet haben.
 

„Unter jedem Grabstein eine Geschichte“

Auch Manfred Hermann Thiel liegt hier begraben, der mit 16 Jahren als Panzersoldat am 2. Mai 1945 starb – am Tag der Berliner Kapitulation. Und der polnische Zwangsarbeiter Jean Karulski, der 25-jährig am 2. April 1945 seinen Verbrennungen erlag. Maria Binias schließlich ist das jüngste Opfer von Krieg- und Gewaltherrschaft auf diesem Friedhof in Berlin-Neukölln. Sie starb nach einem Bombenangriff und wurde nur fünf Tage alt. „Unter jedem Grabstein verbirgt sich eine Geschichte“, hatte Ann-Susann Schanner eingangs betont.

Zuvor hatten Volksbund-Präsident Wolfgang Schneiderhan, der neue Generalsekretär Dirk Backen und der Vorsitzende des Landesverbandes Berlin, Fritz Felgentreu (MdB), Schleifen an drei Kränzen entrollt: an der Krypta mit der Skulptur „Sorgende Frau“ von Fritz Cremer sowie an den Gedenksteinen für die „Toten im Osten“ und für die Frauen und Mädchen.
 

Wolfgang Schneiderhan bezeichnete den 8. Mai als einen wichtigen und auch schwierigen Gedenktag der deutschen Geschichte. „Von diesem Tag an wurde alles besser, aber es wurde nicht gut für alle.“ Er sprach vom ungeheuren Kriegseinsatz der Alliierten, vom Respekt für die Frauen und Männer des Widerstandes, aber auch von der Erschöpfung derer, die überlebt hatten, von denen, die wurzellos geworden waren.


Neuaufbau: „Lasten ungleich verteilt“

Der Volksbund-Präsident wies über das Jahr 1945 hinaus: „Die Lasten des Aufbaus der Nachkriegsordnung waren ungleich verteilt. Dass viele nationalsozialistische Funktionäre Karrieren nach 1945 ziemlich nahtlos fortsetzen konnten, während die Opfer um Anerkennung und Entschädigung kämpfen mussten und von Krankheit und psychischer Belastung gezeichnet waren, hat viele zu Recht verbittert.“

Hass, Propaganda und Verächtlichmachung ebneten den Weg in Krieg, so Schneiderhan. Seine Mahnung auch hier: Rechtsextremismus, Geschichtsrevisionismus und Fremdenfeindlichkeit frühzeitig entgegentreten und nicht warten, bis es zu spät ist.
 

Verpflichtung, den Frieden zu wahren

Fritz Felgentreu sprach von „dankbarem Erinnern“ an das, was der 8. Mai möglich gemacht hat: ein friedliches Europa, ein friedliches Deutschland, eine wiedervereinigte Stadt. Internationale Konflikte heute zeigten, wie zerbrechlich der Friede sein könne. Und der 8. Mai führe in aller Klarheit vor Augen, wie aktuell die Verpflichtung sei, ihn zu wahren. Berlin komme eine besondere Aufgabe zu, daran zu erinnern. „Der 8. Mai ist einer der wichtigsten Tage – nicht nur für den Volksbund, sondern für die Gesellschaft und das politische Leben in unserer Stadt.“
 

Friedhöfe künftig anders erleben

Nicht nur auf dem Friedhof Lilienthalstraße möchte der Landesverband Berlin möglichst viele Schicksale ans Licht bringen, erklärte Landesgeschäftsführer Martin Bayer abschließend. Mit diesen Lebensbildern sollen Friedhöfe zu Bildungsstätten werden – mit öffentlichen und virtuellen Führungen oder auch mit der App „ActionBound“. Die Führung am 7. Mai 2021 mit biografischem Schwerpunkt fand großen Anklang – sie könnte ein Format auch für andere Gedenkveranstaltungen etwa zum Volkstrauertag werden.

Eine Übersicht über das Programm der Gedenkwoche bis zum 9. Mai finden Sie hier. Weitere Berichte stehen im Gedenkportal.

 

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