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Geschichte ist eine Bürde und Pflicht

Volksbund hilft bei der Suche nach ermordeten Polizisten aus Spandau

Die Geschichte beginnt vor über 76 Jahren und spielt in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges in Berlin. Aber sie ist noch nicht zu Ende. Das Kapitel, das hier erzählt wird, beginnt an einem regnerischen Septembertag 2021 in der Polizeischule in Spandau. 
 

Ralf Kempe, Erster Polizeihauptkommissar in Spandau, präsentiert die Planungen für ein ungewöhnliches Vorhaben. Sein Publikum: Polizistinnen und Polizisten, eine Mitarbeiterin der städtischen Verwaltung, die für Friedhöfe in Berlin zuständig ist, eine Polizeipfarrerin, zwei Mitarbeiter und eine Mitarbeiterin des Volksbundes, eine Journalistin und ein Journalist. „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ hat Kempe seine Präsentation überschrieben. Verbrechen gegen die Menschlichkeit gab es während des NS-Regimes viele, sehr viele. Doch was Kempe und sein Team besonders umtreibt: Die Opfer waren Polizisten, doch die Mörder auch. 

Ralf Kempe ist nicht nur Erster Polizeihauptkommissar, er ist auch Ansprechpartner bei der Polizei in Spandau und damit eine der 60 LSBTI*-Ansprechpersonen innerhalb einer Behörde mit 26.000 Mitarbeitenden (LSBTI* steht für einzelne sexuelle und geschlechtliche Identitäten – in diesem Fall: Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Trans* und Inter*). „Die Wertschätzung von Vielfalt bedeutet, ohne Angst anders sein zu können.“ Dieses Zitat von Theodor W. Adorno nimmt er als Leitmotiv für seine Arbeit. Die Mitarbeitenden der Polizei Berlin sind ein sichtbarer Teil eines weltoffenen, bunten und vielfältigen Berlins und Spiegelbild der gesellschaftlichen Diversität. Sie haben unterschiedliche Hintergründe, unterschiedliche Identitäten.
 

Tat geriet in Vergessenheit

Was treibt Ralf Kempe auf dieser Suche an, was gibt ihm die Ausdauer? „Meine Motivation ist von dem Gedanken bestimmt, dass 1948 mit der Verurteilung eines Täters die Tat in Vergessenheit geriet. Dass sich niemand zuständig fühlte, aktiv nach diesen Toten zu suchen.“ Er sieht es als Verpflichtung der Urenkelgeneration, die sterblichen Überreste der ehemaligen Kollegen der Berliner Polizei zu suchen und sie respekt- und würdevoll zu bestatten.

Was geschah am 24. April 1945?

Der Polizeimeister der Schutzpolizei, Otto Jordan, der Luftschutzpolizist Erich Bautz und die Polizisten Reinhold Hofer und Willi Jenoch waren am 21. April 1945 verhaftet worden. Vorgeworfen wurde ihnen Homosexualität. Dies war seit einem „geheimen Führererlass“ vom 15. November 1941 kein Vergehen mehr, sondern ein Verbrechen, das in SS und Polizei mit dem Tode bestraft wurde, „um die Polizei von gleichgeschlechtlich veranlagten Schädlingen reinzuhalten…“ So steht es dort zu lesen.

Für die vier Todeskandidaten gab es kein Gerichtsverfahren, kein Urteil, keine Möglichkeit, ein Gnadengesuch zu erstellen, keinen Abschied von Angehörigen, keinen geistlichen Beistand. Die menschenverachtende NS-Maschinerie funktionierte im Inneren wie im Äußeren, sie wurde auch hier getragen von Willfährigen, die keinen Widerspruch, schon gar keinen Widerstand wagten und Befehle ausführten.
 

An einer Grube erschossen

Die Männer wurden aus ihren Zellen zu einer bereits ausgehobenen Grube gefahren. Der für die anstehende Exekution verantwortliche Polizeioberleutnant ließ die vier Männer nacheinander zur Erschießungsgrube gehen. Dabei wurden sie von Berliner Polizisten begleitet und bewacht.  Auf dem Weg an die Grube trat vier Mal – aus dem Verborgenen heraus – ein weiterer Polizist hinzu, der den tödlichen Genickschuss setzte. Nacheinander fielen die ermordeten Polizisten in die Grube. Ein dabeistehender Polizeiarzt stellte den Tod fest. Weil einer der Ermordeten noch Lebenszeichen von sich gab, sprang der Todesschütze in die Grube und vollendete den Mord mit einem weiteren Schuss.

Anschließend wurde sie zugeschaufelt, ohne eine Kennzeichnung zu hinterlassen. Die Polizisten hatten ihre Kollegen getötet. Die Mitläufer einer Diktatur, die in den letzten Zügen lag, verwischten ihre Spuren. 

Die Urteile für die Täter drei Jahre später waren milde: Ein beschuldigter Revieroberleutnant wurde vom Schwurgericht Berlin zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt und nach fünf Jahren entlassen, ein weiterer aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Vom Todesschützen, der sich freiwillig gemeldet hatte, fehlte ebenso wie von dem Polizeiarzt jede Spur. Bis heute liegen die Toten irgendwo auf dem Gelände der Kaserne. 

„Vielleicht laufen wir über ihre Gräber“

Ralf Kempe will das ändern. Es sind Kollegen, die von Kollegen hingerichtet wurden, kurz bevor der Krieg zu Ende war. Die Rote Armee hatte Berlin schon erreicht. Warum diese Männer sterben mussten, das können Ralf Kempe und seine Leute nicht fassen. Und dass sie kein anständiges Grab haben, können und wollen sie nicht ertragen. „Das ist ein Gelände, auf dem Sport gemacht wird und Übungen stattfinden. Vielleicht laufen wir über ihre Gräber, ohne es zu wissen. Das kann nicht sein.“ 

Mit dem Ende des Krieges 1945 wurde das Gelände zunächst von der britischen Militärregierung verwaltet und ging erst in den 1950er Jahren wieder zurück an die Polizei Berlin. Seit diesem Zeitpunkt fanden dort regelmäßige Ausbildungen im Gelände und andere Veranstaltungen statt, auch zum Teil militärische Übungen der britischen Alliierten.
 

Volksbund-Umbetter im Team

So fassten Kempe und seine Mitstreiter den Plan, die Toten zu suchen. Und hier kam der Volksbund ins Spiel. Joachim Kozlowski, Umbetter des Volksbundes im Inland, sucht und birgt Kriegstote. Tausende hat er schon geborgen, Soldaten und Zivilistinnen hat er gefunden und dafür gesorgt, dass sie auf einer Kriegsgräberstätte – meist Jahrzehnte nach ihrem Tod – noch ein würdiges Grab fanden. Unter diesen Toten sind auch Menschen, die an der Berliner Mauer erschossen wurden. Das Ziel für das Team um Ralf Kempe und Joachim Kozlowski war gesteckt: die Gebeine der vier Toten zu finden. 

An diesem Septembertag geht es um die technischen Planungen. Um die Erdschichten einzeln abzuheben, benötigt man einen Bagger mit einer schwenkbaren Grabenräumschaufel. Den hat die Polizeitechnik nicht zu bieten, dort arbeitet man üblicherweise mit schwererem Gerät. Doch Kozlowski kennt eine Firma, die seit fast zehn Jahren zeitnah und günstig Bagger an ihn verleiht. Und so werden die Planungen immer konkreter und detaillierter.  

An einem Montag, am 4. Oktober 2021, geht es los. Im Einsatz: ein Kleinbagger, ein Polizeiabschlepper,  mit dem er transportiert wird, Sondiernadeln, ein Metalldetektor, Georadar und – das Wichtigste: engagierte Menschen. Die Grabungen wurden durch Mitarbeiter aus der 1. Bereitschaftspolizeiabteilung und der Kriminaltechnik unterstützt.

Suche unter den Maiglöckchen

Sie graben überall dort, wo das Gelände auffällig ist. Es ist groß, unübersichtlich und umfasst eine Fläche so groß wie mehrere Fußballfelder. Joachim Kozlowski fällt eine Stelle ins Auge, drei mal zwei Meter groß und rund zehn Zentimeter abgesenkt. Dort wachsen Maiglöckchen. „Die sehen aus, als hätte sie jemand nachträglich gepflanzt. Maiglöckchen wachsen sonst hier nicht“, meint Kozlowski. Vielleicht ein vorsichtiger Versuch, die Gräber der Ermordeten zu kennzeichnen oder zu schmücken? Aber Kozlowski und Kempe werden nicht fündig. Warum auch immer die Maiglöckchen dort wachsen, darunter liegen keine Toten. 

In den nächsten Tagen werden die Männer über 60 Gruben ausheben. An der alten Übungsfestungsanlage werden sie fündig. Unter 120 Zentimetern Erde, die der Bagger in dünnen Schichten abhebt, finden sie zwei Stahlhelme, Uniformteile und Patronenhülsen. Die Spannung wird fast unerträglich … Doch Gebeine finden sie nicht. Es wird weiter gegraben, sondiert, gesucht und wieder zugeschüttet.

Bis zum Freitagnachmittag werden sie die Toten nicht finden. Die Enttäuschung bei den Beteiligten ist groß im Angesicht des Misserfolgs. Das ist verständlich. Drei Jahre der Vorbereitung und der Auswertung von Archivakten brachten nicht den erhofften Erfolg. 

Eine Beisetzung und ein Versprechen

Aber bei genauerem Hinsehen sind das Schicksal und das erlittene Leid der ermordeten Polizisten nun nicht mehr verborgen, sondern öffentlich gemacht worden. Die Anteilnahme an der Suche war groß – sowohl innerhalb der Polizei Berlin, aber auch in der breiten Öffentlichkeit.  

Viele Hoffnungen, viele Emotionen, viel Arbeit, viel Zeit steckte in der Suche nach den Toten. Am Freitagmittag baut die Polizeipfarrerin einen kleinen Altar neben einer ausgehobenen Grube auf. „Wir sind zu einer symbolischen Beerdigung gekommen. Ich lade Sie alle ein, dort der Toten zu gedenken, aber auch Ihre enttäuschten Hoffnungen zu begraben.“ Dieses Angebot nehmen alle dankbar an.
 

„Wir kommen wieder und suchen weiter“

Die Pfarrerin spricht das Vaterunser und einen Segen. Doch trotz des fortgeschrittenen Freitagnachmittages fällt es allen schwer, Abschied von diesem Ort im Wald zu nehmen. Als ob man die Toten, die da irgendwo liegen, nicht alleine lassen will. Noch lange spricht man über die enttäuschten Hoffnungen, tröstet sich gegenseitig – und berät, wie die Suche fortgesetzt werden kann. Eine Hoffnung liegt auf Luftbildaufnahmen der Roten Armee vom Mai 1945, die möglicherweise im Deutschen Historischen Institut in Moskau liegen. Dort könnte man die Grube mit den frischen Gräbern erkennen und wüsste, wo man suchen muss. Auch eine zweite Grabung mit größerem Gerät wird angedacht. 

Ein Versprechen steht an diesem Herbsttag im Raum: „Wir kommen im Frühling wieder und versuchen es weiter.“  

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