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Volksbund-Arbeit aktuell: „Auch in Workcamps wird es schwieriger“

Interview mit Lenya Misselwitz aus Speyer und Julian Borysławski aus Zabrze in Polen über Jugendbegegnungen in Zeiten des Krieges

Geographisch verband die beiden bis vor kurzem nur ein Ort: Karlsruhe. Hier fand das Volksbund-Workcamp 2021 statt. Lenya war aus Speyer angereist, Julian aus Zabrze in Polen. Inzwischen teilen die 17-Jährige und der 19-Jährige viel mehr: einen gemeinsamen Besuch in Cassino in Italien, Kranzniederlegungen auf sechs Soldatenfriedhöfen dort und eine Rede vor internationalem Publikum. Vor allem aber verbindet sie Engagement und eine Haltung. In Cassino sprachen wir vor der Gedenkveranstaltung mit ihnen über Workcamps – auch mit Blick auf den Krieg in der Ukraine.

 

Liebe Lenya, lieber Julian, Ihr wart beide mehrfach bei Volksbund-Workcamps dabei. Warum?

Julian: Meine Familie hat polnische und schlesische Wurzeln. Meine Vorfahren waren im Zweiten Weltkrieg Soldaten auf beiden Seiten. Ein Urgroßvater war erst in der polnischen Armee, dann in der Wehrmacht. In Cassino hat er gegen die Alliierten gekämpft und ist dann zur polnischen Anders-Armee übergelaufen. Ein anderer Urgroßvater war als Wehrmachtssoldat ebenfalls in Italien – ich weiß allerdings nicht, wo. Ein dritter war polnischer Flieger im Dienst der Briten und hat Großbritannien mit verteidigt.

Wir verdanken es unter anderem der Arbeit des Volksbundes, dass wir immer noch in der Lage sind, aus unserer gemeinsamen Geschichte zu lernen. Dass wir heute Lehren aus ihr ziehen können, die so aktuell sind wie nie zuvor. Die Idee, die der Volksbund-Arbeit zugrunde liegt, hat mir klar gemacht, wie wichtig, aber auch wie zerbrechlich der Weltfrieden ist. Auch darum bin ich Mitglied im Volksbund geworden.

Lenya: Mein Ururgroßvater ist im Ersten Weltkrieg in Verdun gefallen. Meine Eltern sind Volksbund-Mitglieder. Ich war mit neun Jahren zum ersten Mal mit ihnen in Verdun am Grab und schockiert über die vielen Toten, die ein Krieg kostet. Wir müssen aus der Geschichte lernen – so wie ich damals in Verdun und in den letzten beiden Jahren bei Jugendbegegnungen in Frankreich und Deutschland. In den Workcamps pflegen wir Freundschaften, internationale Beziehungen und setzen damit ein Zeichen für den Frieden.

 

Was verändert sich durch die aktuelle Lage?

Lenya: Die Volksbund-Arbeit gewinnt an Bedeutung. Es wird noch wichtiger, zu zeigen, was Krieg und Gewalt damals und heute für Konsequenzen hatten und haben. Gerade sehen wir wieder, dass niemand je durch Krieg gewinnt.

Julian: Der Krieg in der Ukraine verstärkt unser Wissen: dass immer nur Menschen leiden.

 

Was heißt das konkret für die Jugendarbeit?

Lenya: Ich denke, das Thema rückt mehr ins Bewusstsein. Krieg war für uns so weit weg. Plötzlich ist die Geschichte von früher wieder da. Wie kann man versuchen, weitere Kriege zu verhindern? Für einzelne wird es schwer sein, sich gegenseitig zu akzeptieren. Wie gehen wir miteinander um? Das sollten wir eher diskutieren, als zu den Waffen zu greifen.

Julian: Ich denke, jetzt wird es auch in den Workcamps schwieriger. Schon die Annexion der Krim hatte Folgen: Bei meinem ersten Workcamp in Magdeburg 2019 habe ich erlebt, dass Jugendliche aus der Ukraine und Russland die ganze Zeit über kein Wort miteinander gesprochen haben.

„Wir dürfen nicht zulassen, dass eine weitere Generation junger Europäer verloren geht.“

Julian Borysławski aus Zabrze (Polen)

Was könnt Ihr, was können wir in dieser Situation tun?

Lenya: Entscheidend ist, dass wir nicht die Nationalität, sondern den Menschen sehen, der vor uns steht. Wir müssen akzeptieren, dass Erinnerungen hochkommen, und das ist eine sehr starke Leistung, wenn Menschen trotzdem zum Austausch bereit sind. Das ist so wichtig, um Positionen ändern zu können: dass wir versuchen, uns gegenseitig zu verstehen. Auch wenn das sehr schwer ist. Unsere Perspektive wird dadurch eine andere.

Julian: Dass Zusammenarbeit auch unter ehemals verfeindeten Parteien möglich ist, zeigt die Tatsache, dass wir beide hier in Cassino gemeinsam eine Rede halten werden. Vermutlich muss viel Zeit vergehen, bis das Gespräch zwischen Russen und Ukrainern wieder möglich ist.

Was hat Euch im Mai 2022 hierher, auf eine deutsche Kriegsgräberstätte in Italien geführt?

Julian: Wir sind gefragt worden, ob wir bei der Gedenkveranstaltung 78 Jahre nach dem Ende der Schlacht um Cassino sprechen möchten. Vorher wird die neue Dauerausstellung eröffnet. Für mich ist das eine große Ehre. Ich werde sagen: „Heute stehe ich als Europäer und als polnischer Bürger an diesem Ort. Frieden ist unbezahlbar und der wichtigste Wert, nach dem jede Nation streben sollte. Wir dürfen nicht zulassen, dass eine weitere Generation junger Europäer verloren geht. Erinnern wir uns also an diejenigen, deren Leben vor 78 Jahren an den Hängen dieser Hügel endete. Ihre Geschichte darf sich nicht wiederholen.“

Lenya: Ich freue mich sehr, dass ich bei dieser Veranstaltung dabei sein und sprechen darf. Wir werden außerdem die Kränze tragen, wenn der Volksbund an anderen Orten der Kriegstoten aller Nationen gedenkt, die in dieser Schlacht gestorben sind. Es war eine der längsten im Zweiten Weltkrieg. Fünf Kränze werden das sein.

Mich beeindruckt, dass hier – auf der deutschen Kriegsgräberstätte Cassino – junge Menschen begraben sind, die so alt waren wie wir. Vielleicht hatten sie dieselben Träume und Wünsche wie wir. In meiner Rede sage ich am Schluss: „Geschichte sollte zur Einsicht führen. Sie sollte Bewusstsein stiften. Damit Kinder in Frieden aufwachsen können. Damit die Träume und Pläne von 17-Jährigen nie wieder im Krieg begraben werden.“


Liebe Lenya, lieber Julian, wir danken Euch für dieses Gespräch.

Workcamps: noch Plätze frei

Bei einigen Workcamps in der Saison 2022 sind noch Plätze frei. Eins bietet die Möglichkeit, sich in Italien mit der deutsch-polnischen Geschichte auseinanderzusetzen –  dort, wo wir das Gespräch mit Lenya und Julian geführt haben. Zu „Roter Mohn am Monte Cassino“ vom 10. bis 21. August sind 16- bis 22-Jährige herzlich eingeladen.
 

Video-Statement zur Jugendarbeit

Warum die Jugendarbeit des Volksbundes heute besonders wichtig ist, sagt Lenya in diesem Video-Statement (bitte anklicken):

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über die neue Dauerausstellung auf der deutschen Kriegsgräberstätte in Cassino und die Gedenkfeier 78 Jahre nach Ende der Schlachten:

Volksbund-Botschaft in Cassino: „Dieses Europa steht zusammen“
Internationales Gedenken zur Ausstellungs-Eröffnung in Cassino
Lebendig erzählte Geschichte rund um den Monte Cassino

Ein Video (Harald John) zeigt Lenya Misselwitz bei ihrer Rede (Ausschnitt) am 18. Mai 2022 auf dem deutschen Soldatenfriedhof.

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