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Volkstrauertag modern gestalten: „Es ist kein Festival“

Wie wollen junge Menschen der Opfer von Gewalt und Krieg gedenken?

Gedenken muss zeitgemäß sein, fordert der Volksbund, und lädt junge Menschen dazu ein. Wir haben am Volkstrauertags-Wochenende die Gedenkveranstaltung in Plötzensee und ein Seminar für junge Erwachsene begleitet und mit den Gewinnerinnen und Gewinnern des Comic-Wettbewerbs gesprochen.
 

Schon seit 1994 organisiert der Jugendarbeitskreis (JAK) des Landesverbandes Berlin die Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag in Plötzensee. Doch erst in den vergangenen Jahren wurde sie prominent besucht. Plötzensee ist noch heute ein beklemmender Ort, der für die nationalsozialistische Unrechtsjustiz steht. Zwischen 1933 bis 1945 wurden dort mehr als 2.800 Menschen, darunter politische Häftlinge und Regimegegner, durch das Fallbeil oder den Strang ermordet.

Der Krieg ist zurück in Europa. Deutlich sichtbar, wahrnehmbar – für viele Menschen konkreter als die Balkankriege in den 1990er Jahren. Das Entsetzen darüber prägte die Veranstaltungen zum Volkstrauertag in diesem Jahr. Auch für viele junge Menschen ist der Krieg in greifbare Nähe gerückt.
 

Die Themen: Angst, Krieg und Flucht

Ein Fünftel der jungen Menschen, die in den vergangenen Jahren an Volksbund-Workcamps teilnahmen, kam aus Russland und der Ukraine. Die geknüpften Freundschaften sind eng und innig, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bleiben nach den Workcamps meist in WhatsApp-Gruppen verbunden – bis sie sich wiedersehen können.

Mit dem Beginn des Krieges gegen die Ukraine änderten sich die Nachrichten. Angst, Flucht, Krieg und Verzweiflung sind nun die Themen.„Die Vorstellung, dass unsere Freunde aus der Ukraine und aus Russland sich plötzlich im Kampf gegenüberstehen, bricht uns das Herz“, sagen Annika Lang, Roxana Piskol und Erzana Asani.
 

„Zwei Leben” in Plötzensee

Das Gedicht von Lara Holthaus: „Zwei Leben” stellt den behüteten Alltag eines Mädchens hier dem eines Jungen in der Hölle des Krieges gegenüber. Bei­de schließen am Ende die Augen: sie zum Schlafen, er zum Sterben. 23 Schülerinnen und Schüler des Gerhart-Hauptmann-Gymnasiums Berlin unterstützten die Gedenkveranstaltung. Zwei von ihnen trugen das Gedicht vor, anschließend verlasen sie das Totengedenken auf Deutsch und Englisch.

Trotz ihrer Trauer über den Krieg wollen die Jugendlichen sich nicht entmutigen lassen. Ihr Credo lautet: „Jetzt erst recht! Wir geben nicht auf, uns für ein freiheitliches und friedliches Europa im Zeichen der Menschenrechte einzusetzen!”
 

Lettland Thema des Jugendseminars

Mit der aktuellen Lage und Formen des Gedenkens setzten sich junge Erwachsenen am selben Wochenende an einem anderen Ort auseinander: Das Jugendseminar zum Volkstrauertag fand zum achten Mal statt und thematisierte den Ukraine-Krieg aus Blick des Baltikums. „Uns geht es darum, junge Menschen anzusprechen, sie für die Arbeit des Volksbundes zu interessieren und sie auch in den Bundestag zu bringen. Die meisten sind jünger als 25 Jahre“, so Michael Kupiec, erfahrener Seminar- und Workcamp-Leiter. „Was mich gefreut hat: Das Seminar war schnell ausgebucht. Die Gruppe ist heterogen. Einige haben zum Volksbund Kontakt über ihre Schulen, einige haben mit Spendendosen gesammelt, andere haben an Workcamps teilgenommen“, sagt der junge Mann. „Auch mehrere junge Soldaten sind dabei.“

Botschafter berichtet aus Riga

Über den Ukrainekrieg aus Sicht des Baltikums sprach der deutsche Botschafter in Lettland, Christian Heldt. Er nahm die Gruppe mit auf eine Reise in die baltische Geschichte und Gegenwart. Der studierte Historiker berichtete ebenso sachkundig und wie fesselnd über den Alltag in Lettland, aber auch darüber, wie die Bevölkerung des kleinen Landes den russischen Angriff auf die Ukraine wahrnimmt: als sehr konkrete Bedrohung. 

Die junge Republik hat eine lange Geschichte mit mehrfachen Okkupationen erlebt, war häufig ein Spielball der großen Mächte. Allein im Ersten Weltkrieg starben 30.000 Menschen. Im Zweiten Weltkrieg beklagte Lettland 100.000 Tote. Ein hoher Blutzoll für ein kleines Land. Diese Geschichte prägt die lettische Identität.
 

„Tragen ein gutes Bild in die Welt“

Heldt erzählte, wie kritisch anfangs deutsche Jugendgruppen beäugt worden seien, die jüdische Friedhöfe pflegten – und wie angetan die Gemeinden nun davon sind. „Auf Friedhöfen lernt man so viel. Sie sind ein wichtiges pädagogisches Instrument“, sagte Heldt und ermutigte die Jugendlichen, sich weiter dort zu engagieren: „Sie tragen ein gutes Bild von Deutschland in die Welt.“

Einen Neuanfang der Demokratie in Russland hält er für wenig wahrscheinlich und gab zu bedenken, dass die Russen seit zwölf Jahren von Propaganda beeinflusst würden. Was in Russland weggebrochen sei, sei nicht mehr zu reparieren und führe zu der Frage: Wie fragil ist die freie Welt? Dem jungen Publikum gab er einen großen Auftrag mit: „Frieden und die Friedensarbeit neu zu gestalten – das ist eine Aufgabe für die zukünftige Generation!“

Bei der Gedenkstunde im Bundestag

Am Volkstrauertag nahm die Gruppe des Jugendseminars an der Zentralen Gedenkstunde im Bundestag teil. Teilnehmerin Ronja Heinrich berichtet, wie sie das Seminar und den Besuch im Plenarsaal erlebte:

„Die Herbstsonne strahlt über Berlin und lädt ein, den Samstagnachmittag im Freien zu verbringen. Und doch haben sich 25 junge Menschen aus ganz Deutschland lieber in einem Tagungsraum mit Neonlicht im Untergeschoss einer Jugendherberge versammelt – zu einem Seminar zum Volkstrauertag 2022, organisiert vom Volksbund. Das Thema: „Wahrnehmung des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine aus dem Baltikum. Zur Wehrhaftigkeit unseres freiheitlichen Europas und Deutschlands“.

Christian Heldt brachte uns die Perspektive der osteuropäischen Staaten auf den Einmarsch Russlands in die Ukraine und den politischen Umgang Deutschlands damit näher. Außerdem beantwortete er unsere Fragen zum künftigen europäischen Umgang mit Russland, der Veränderung der Stimmung in der lettischen Bevölkerung seit Beginn des Krieges und zur Rolle der NATO.

Am Sonntag erlebten wir noch eine Führung durch das Reichstagsgebäude. Die Themen des Vortags tauchten auch in den Beiträgen der Gedenkstunde auf, als junge Redner aus Lettland an die ehemalige Unterdrückung ihres Landes erinnerten. Sie riefen aber auch dazu auf, sich weiterhin für Freiheit und Demokratie in Europa zu engagieren. Und genau deshalb haben die jungen Erwachsenen an diesem Wochenende den Tagungsraum der Herbstsonne vorgezogen.“
 

„Wir haben die Kompetenz“

Ein gutes Zeichen. Könnte oder sollte man den Volkstrauertag für jüngere Menschen interessanter gestalten?

Michael Kupiec: „Es ist ein Tag der Trauer, der stark ritualisiert ist. Möglicherweise können in zehn, zwanzig Jahren die Leute nichts mehr damit anfangen. Vielleicht könnte man ihn etwas fröhlicher gestalten, aber das ist jetzt in Zeiten des Ukraine-Krieges schwer vorstellbar.“

Pia Birkenmaier (21) studiert Medizin: „Der Volkstrauertag darf schon in Teilen anders werden. Aber er muss auch getragen sein. Es ist doch kein Festival. Wichtig ist, dass man erklärt, was da überhaupt passiert, damit er auch in die Gesellschaft getragen werden kann.“

Tankred Suckau (23) studiert Geschichte und Deutsch auf Lehramt: „Wir haben die Kompetenz, Gedenkveranstaltungen zu gestalten. Daraus könnte man neue Ideen ziehen. Nimm als Beispiel Plötzensee: Das ist ein mächtiger Ort und die Jugendlichen haben dort das Gedenken selbst organisiert.”  

David Riedinger (18) geht noch zur Schule: „Den Volkstrauertag muss man nicht großartig ändern. Es ist nun mal ein Trauertag. Aber wichtig ist, dass junge Leute daran teilnehmen können.“

Ronja Heinrich (19) absolviert ihren Bundesfreiwilligendienst im Volksbund-Landesbüro Thüringen: „Jugendliche sollten dabei sein, aber nicht nur Beiträge vorlesen –sie sollten selbst etwas machen. Ich habe eine Pogrom-Gedenkstunde erlebt – dort hat eine Schülerin selbst einen Beitrag entwickelt. Das war echt und ergreifend.“

Melanie Granson (19) Auszubildende: „Die Idee, dass junge Leute sich mit den Themen inhaltlich auseinandersetzen, ist gut.“  

Comic als politisches Medium

Ein drittes Beispiel war ebenfalls am Volkstrauertag Thema: Comic als Medium für komplexe politische und historische Inhalte. Das ist nicht unumstritten. Der Zeichner Art Spiegelman erzählte die Geschichte seines von den Nazis verfolgten jüdischen Vater in „Maus“. Dabei stellt er Juden als Mäuse und Nazis als Katzen dar. Auf die Kritik, die Darstellung des Holocaust in „Maus“ wäre geschmacklos, antwortete Spiegelman höflich: „Der Holocaust ist geschmacklos.“

Seit 2017 beteiligt sich der Volksbund mit einer deutschen Ausschreibung am internationalen „Comic-Wettbewerb“, der in Frankreich schon Tradition hat. Anfangs kritisch beäugt, ist der inzwischen trinationale Wettbewerb mit Frankreich und Belgien eine Erfolgsgeschichte. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier empfing die deutschen Preisträger der Runde 2021/22 nach der Zentralen Gedenkstunde im Bundestag.

Ein Album für den Bundespräsidenten

Neun Schülerinnen und Schüler der „Neuen Nikolai-Schule” und der „Humboldt-Schule” in Leipzig hatten bei der deutschen Ausgabe des internationalen Comic-Wettbewerbs 2021/22 zum Thema „Kinder im Krieg“ die drei vorderen Plätze in verschiedenen Kategorien belegt. Ihre Beiträge thematisieren Zwangsarbeit, Verfolgung und Widerstand während des Zweiten Weltkrieges. Dass ausschließlich Schülerinnen und Schüler einer Schule die ersten Plätze einer Kategorie belegten, gab es noch nie.

Und auch das war Premiere: Die Siegerbeiträge aus Deutschland, Frankreich und Belgien sind erstmals in einem gedruckten Album vereint. „Sprechblasen der Erinnerung“ heißt es. Ein Exemplar überreichte die Gruppe an den Bundespräsidenten.
 

Idee entstand an einem Gedenkort

Albrecht Krause hatte zusammen mit Elias Neumann, Leonard Simone und Paul Grunenwald den Beitrag „Aussichtsloser Widerstand“ eingereicht.  „Auf die Idee zu der Geschichte bin ich bei dem Besuch der ehemaligen Ordensburg Vogelsang gekommen. Dort wurde so genannter ‚Führungsnachwuchs‘ ausgebildet. Es hat mich erschreckt, dass so viele junge Erwachsene Gräueltaten begangen haben“, sagt Albrecht. „Den Comic haben wir in der Gruppe entwickelt.”
 

Schicksale subtil erzählt

In „Flames of Loss“ erzählen Thea Steinbeck, Eloise Jerothe und Mathilda Pietrek die Geschichte von Hans und seiner behinderten Schwester Helene, die im Kinderheim leben. Helene wird 1939 – wie viele Kinder – abgeholt und kehrt nie wieder. „Wir wollten die Schicksale zweier ganz junger Menschen zeigen – und das auch eher subtil.“

Der Volksbund hatte alle Preisträger in seine Jugendbegegnungsstätte ins Elsass eingeladen: „Die Reise nach Niederbronn-les-Baines war toll, wir haben mit den Jugendlichen aus Belgien und Frankreich viel gemeinsam recherchiert, das war wahnsinnig spannend“, war das Fazit (mehr dazu lesen Sie hier: Comic-Wettbewerb: Album und Begegnung zum Abschluss).

Diese drei Beispiele stehen für Wege des Gedenkens, die der Volksbund jüngeren Menschen anbietet. Zentral dabei ist die Auseinandersetzung mit Inhalten und Mitsprache bei der Gestaltung.

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