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„Eure Städte sind mit Feuer verbrannt“
Gottesdienst in der Gedächtniskirche am Volkstrauertag, am 80. Jahrestag der Bombardierung Coventrys
15. November 2020

Zerstörte Gotteshäuser in zerstörten Städten – das verband Berlin und Coventry im Zweiten Weltkrieg, und an beiden Orten mahnen heute noch Ruinen. Versöhnung erlebbar machen, verbindet schon lange als gemeinsames Ziel. Der Gottesdienst am Volkstrauertag in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin zeigte, wie stark die Bande der Versöhnung sind und wieviel Verantwortung für den Frieden heute noch daraus erwächst.

Die Glocken-Inschrift "Eure Städte sind mit Feuer verbrannt“ war das Motto des Gottesdienstes, den der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge erstmals gemeinsam mit der evangelischen Kirchengemeinde der Gedächtniskirche ausrichtete. Corona-bedingt, denn das traditionelle Gedenkkonzert im Berliner Dom musste abgesagt werden. Dr. Fritz Felgentreu, Bundestagsabgeordneter und Vorsitzender des Volksbund-Landesverbandes Berlin, dankte für die „Zuflucht“, für offene Türen an diesem Tag.

Per Video-Botschaft aus England statt live sprach der Dean von Coventry, John Witcombe, zu den rund 100 Gottesdienstbesuchern – auch das war den Pandemie-Bestimmungen geschuldet. In der Ruine in der Kathedrale stehend, erinnerte er daran, was der damalige Domprobst Richard Howard unmittelbar nach dem deutschen Bombenangriff auf den Tag genau 80 Jahre zuvor gesagt hatte: „Father forgive“ (Vater vergib). „Aus dem Akt der Zerstörung wurde hier durch die Gnade Gottes der Beginn einer großen Bewegung der Versöhnung.“ Wie stark diese Bewegung in Berlin zu spüren ist, habe er schon 2013 erlebt, als er zum ersten Mal die Gedächtniskirche besuchte. Sie ist eines von vielen Nagelkreuzzentren weltweit geworden.

"Gebrochene Vergangenheit" bleibt zu sehen

Mit Blick auf das Nagelkreuz, das Symbol der von Coventry ausgehenden Friedensbewegung, sprach Pfarrerin Kathrin Oxen nicht nur von einer „bewegenden, einzigartigen Geschichte echter Versöhnung“, sondern auch vom „Eingeständnis unserer historischen Schuld und der Verantwortung“, die daraus erwächst. „Die gebrochene Vergangenheit“ bleibe zu sehen, die Erinnerung sei in den Ruinen sicht- und greifbar. Aber: Der Domprobst habe 1940 mit seinen Gesten der Versöhnung zuverlässig und dauerhaft den Brand von Hass und Vergeltung gelöscht, auch wenn er mit seiner Botschaft mitten im Krieg kaum Widerhall fand. Auch heute noch gelte: „Versöhnung ist eine Aufgabe der Generationen. Die Wunden der Vergangenheit können heilen, aber die Narben bleiben sichtbar.“

Auf Narben verwies auch Fritz Felgentreu, der nicht nur an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft damals und heute erinnerte, sondern auch „an menschliche Grausamkeit in unseren Tagen“. Denn auch dafür steht die Berliner Gedächtniskirche: An ihren Stufen am Breitscheidplatz sind die Namen der Opfer verewigt, die am 19. Dezember 2016 bei einem Terror-Anschlag ums Leben gekommen sind.

Stille nicht bloß aushalten, sondern füllen

Wenn die Waffen schweigen, kehrt Stille ein. Von dieser Stille sprach Pfarrerin Oxen außerdem: „Wir haben verstanden, dass den Krieg alle verlieren, auch die Sieger.“ Diese Stille nicht bloß auszuhalten, sondern sie zu füllen und in ihr ein Leben in Frieden zu suchen, war ihr Wunsch im Gebet.

Für die gelebte Suche nach Frieden und Versöhnung stand auch der Stahlkranz mit 1.000 Blüten in der Gedächtniskirche, entstanden im Rahmen der Volksbund-Aktion "Vergissmeinnicht". Bestückt ist er mit Vergissmeinnicht und Mohnblumen (Poppys), die in Deutschland und den Commonwealth-Staaten an die Kriegstoten erinnern. Dauerhafte Blüten, fest verschraubt – eine „wunderschöne Idee für deutsch-britische Erinnerungskultur“, betonte die Pfarrerin. Was hatte doch ein Kind gesagt, gefragt nach dem Namen der „blauen Kirche in Berlin“? „Vergissmeinnicht-Kirche“, gab Kathrin Oxen die Antwort wieder. „Dieses Vergissmeinnicht soll an diesem Ort blühen.“

Versöhnungsgebet und Totengedenken

Zum Gottesdienst gehörten auch das Versöhnungsgebet von Coventry und das Totengedenken, das der Bundespräsident traditionell bei der Zentralen Gedenkveranstaltung am Volkstrauertag im Bundestag verliest. Diesen Part hatte Lea-Isabelle Jankowski übernommen, die beim Volksbund in Berlin ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert. Musikalisch begleitete den Gottesdienst das Stabsmusikkorps der Bundeswehr, geleitet von Hauptfeldwebel Andreas Scholz.

Christiane Deuse
Redakteurin
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