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Nur ein Wort: Kirischi

Weihnachten in schwerer Zeit: Grüße des Generalmajors mit bitterem Nachklang

Die Geschichte zum vierten Adventssonntag erzählt von einer Mappe mit Zeichnungen, verschickt als Weihnachtsgruß 1942. Vor allem aber schildert sie  Kindheitserinnerungen und väterliches Kriegstrauma lange nach Kriegsende. Damit zeigt sie auch, wie weit die Folgen reichen. Geschickt hat sie uns Ulrich Beutler für unser Buchprojekt „Weihnachten in schwerer Zeit“.
 

„Nur ein Wort. Kirischi. Ich hatte den Namen noch niemals gehört. Die Buchstaben des Wortes sehen aus, als ob sie mit einem Meißel in Stein geschlagen wurden. Es gibt keine Rundung, selbst der i-Punkt ist rechteckig. Das Wort steht braun unterlegt auf der Vorderseite einer abgenutzten Mappe.

 

Eine zerstörte Gitterbrücke

Darin befinden sich Weihnachtsgrüße aus Berlin an meinen Vater. Generalmajor Thomaschki grüßt die Helden in Kirischi und spricht von der vierten Kriegsweihnacht. Der Mappe wurden drei große Kreidezeichnungen beigelegt. Auf einer der Zeichnungen ist eine zerstörte Gitterbrücke über einen Fluss zu sehen.

Kirischi. Die erste Suche im Internet scheitert. Auf dem Bildschirm erscheinen nur Hinweise auf eine Wasserballmannschaft. Darauf hin gebe ich 'Kirischi Russland' ein. Der grüne Pfeil von Google Maps lässt mich im Fußballstadion von Kirischi landen. Ich zoome so lange, bis ich die Stadt in der Nähe von Sankt Petersburg im Überblick sehen kann.

Es herrscht kein Winter in Kirischi. Alles leuchtet grün. Ich erkenne Straßenzüge, Plätze, Parkanlagen und den Bahnhof. Die Eisenbahngleise laufen von dort in westlicher Richtung auf einen breiten Fluss zu, trennen sich nach kurzer Zeit und überqueren ihn außerhalb der Stadt auf zwei Brücken.
 

Anschrift, die es nicht mehr gibt

Ich zoome mich wieder heran, bis ich Details erkenne. Der Schattenwurf der oberen Brücke lässt mich die drei Gitterbögen klar auf dem Wasser erkennen. Es gibt sie also wieder, die Brücke von der Zeichnung.

Die Mappe lag in einem fleckigen Umschlag aus brüchiger, brauner Pappe. Auf dem Feldpostaufkleber steht eine Anschrift, die es heute nicht mehr gibt. Die Heimatadresse meines Vaters. Er hatte vor dem Eintreffen der Weihnachtsgrüße den elterlichen Hof bereits wieder verlassen und befand sich auf dem langen Weg zurück nach Kirischi.

Der Name stand nur noch für eine geografische Position: Die Stadt selbst hatte sich in Nichts aufgelöst. Genau so, wie sich die Heimatadresse meines Vaters einige Zeit später in Nichts auflösen sollte.

Und mir geht der Name Thomaschki nicht aus dem Sinn. Er hätte genauso gut unter einem sowjetischen Dokument oder auf einem beliebigen Namensschild
irgendwo in Moskau stehen können. Was war das für eine Geschichte?
 

In einem Stapel Altpapier

Mein Vater wollte die Mappe nicht mehr sehen. Er hatte sie in einen Stapel mit Altpapier gelegt, wo ich sie zufällig fand. Über Kirischi fiel niemals ein Wort. Er wischte meine Fragen stets mit einer Handbewegung weg und wechselte das Gesprächsthema.

Bald ist wieder Weihnachten. Mein Vater wird den Baum nicht mehr schmücken, wie er es immer getan hatte. Es ist das erste Mal. Als Kind musste ich gespannt hinter verschlossenen Türen warten, nur ein Blick durch die Schlüssellöcher war erlaubt. Mit großem Ernst wurde das Fest vorbereitet.
 

Plötzlich war er so weit weg

In diesen Tagen nahm mich mein Vater oft und unerwartet in seine starken Arme. In ihnen fühlte ich mich sicher. Wir konnten dann sehr lange zusammen vor dem Baum sitzen. Danach sprach er am Tisch oft über Dinge, die ich damals nicht verstand. Er war plötzlich wieder so weit von mir entfernt. Aber ich begriff, dass er traurig war. Dass es etwas gab, was der Glanz der Lichter nur vorübergehend  überstrahlen konnte.

Vater schlief oft schlecht und schrie in seinen Träumen. Morgens ging er dennoch pünktlich zur Arbeit und ließ nichts über Disziplin und Zuverlässigkeit kommen. Er wusste, dass ein Nachdenken über die gestohlene Zeit in seinem Leben genauso müßig war wie die Vorstellung, den Fluss unter der Brücke mit bloßen Armen aufhalten zu wollen.
 

Die Wünsche, die Träume, die Flüche

Das Grün leuchtet immer noch auf dem Bildschirm. Ich stelle mir die Sommertage in Kirischi vor. Die Menschen werden ihrer Arbeit nachgehen, am Wochenende aufs Land fahren, Gemüse ernten oder am Fluss ihre Angeln auswerfen. Die Züge werden wie jeden Tag auf ihrem Weg nach Sankt Petersburg und zurück über die Brücke mit den Gitterbögen rollen.

Der Fluss wird wie jeden Tag auf seinem Weg zum großen Meer strömen und alles mit sich tragen. Das Schmelzwasser, die Sommerwärme, die Wünsche und die Träume und die ausgespienen Flüche. Alles wird sein wie jeden Tag und doch anders. Aber das Bild, das ich jetzt betrachte, ist auch schon wieder Vergangenheit.

Wir haben Dezember. Liegt bereits wieder Schnee in Kirischi?“

Text: Ulrich Beutler (geschrieben 2009)
Informationen dazu, was damals in Kirischi und am Fluss Wolchow geschah, finden Sie hier.
 

Weihnachten in schwerer Zeit

Weitere Geschichten gibt es als Hörbücher in der Mediathek und in Artikeln der vergangenen drei Wochen.
Über Einsendungen für einen neuen Band „Weihnachten in schwerer Zeit“ freuen wir uns (per Mail an redaktion@volksbund.de oder per Post an Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Abt. Öffentlichkeitsarbeit/Redaktion, Sonnenallee 1, 34266 Niestetal).

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